Theatertanten bei explore @ THINK BIG! #8

VON ABSCHIEDEN, WUNDERWESEN UND SEXUELLER EINVERNEHMLICHKEIT

EINDRÜCKE UND GEDANKEN DER THEATERTANTEN ZU EXPLORE DANCE BEIM THINK BIG! FESTIVAL #8

Von Julia Schleier und Theresa Spielmann | 13. August 2021

Zwei von vier Theatertanten – Julia und Theresa – waren wieder für explore dance beim THINK BIG! Festival #8 unterwegs. Wie wir es gewohnt sind, tauchen wir mit unserem ganzen Sein in die Welt des Theaters und des Tanzes ein und teilen unsere Erfahrungen, die natürlich von uns selbst beeinflusst werden. Kunst erfahren und Objektivität gehen für uns nicht zusammen, deshalb erzählen wir jetzt aus unserer Perspektive wie wir explore dance beim THINK BIG! Festival #8 erlebt haben.

Die Inszenierungen sind, wie man es von explore dance kennt, für Kinder und Jugendliche gemacht. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch schwere Themen behandeln können. Die Inszenierungen beschäftigen sich mit großen Begriffen. von hier nach dort geht dem Abschied auf den Grund, XOXO fragt sich “Was sind Consent und Intimität”? Und Libelle nimmt uns mit in eine Welt voller Wunder und Illusion.

Nach den Vorstellungen im HochX und an Schulen haben wir uns mit Künstler*innen und Performer*innen unterhalten oder Publikumsgespräche mitverfolgt, denn uns beschäftigen die Fragen nach dem Entstehungsprozess und der Erfahrung Kunst für und mit Kindern zu erschaffen.

 

LIBELLE (May Zarhy). HochX.
Julia.

Festivalauftakt! Am 29.6. um 10 Uhr feierte Libelle von May Zarhy gleichzeitig Premiere und den Beginn der diesjährigen explore dance Section beim THINK BIG! Festival #8. Da die Plätze im Publikum aus coronagründen natürlich begrenzt waren, haben wir Theatertanten uns dieses Jahr aufgeteilt und die Vorstellungen überwiegend allein besucht. Ich, Julia, durfte bei dem Eröffnungsstück dabei sein und möchte euch mitnehmen in meine ganz persönliche Erfahrung auf der HochX Tribüne.

Links, rechts, vor und hinter mir sitzen Kinder. Ganz vorne haben sich die beiden Performerinnen unter das gespannte Publikum gemischt. Die jungen Zuschauer*innen quasseln noch freudig vor sich hin, als die zwei Frauen aufstehen und mit einem funkelnden Puschel-Ball zu spielen beginnen und ihn an ihren Körpern auf und ab tanzen lassen. Ein Kind neben mir erkennt: „Die tanzen!“

Ja, sie tanzen! Der Puschel macht Raschel- und Klingel-Geräusche während er wild durch die Gegend fliegt und sich plötzlich zusammen mit den Performerinnen – moment, sind sie das gerade noch? oder haben wir zwei Wunderwesen vor uns? – also vielleicht eher mit den Wunderwesen zusammen unter einem großen Tuch versteckt. Das Publikum ruft und sagt und flüstert „OOH“ und „UUI“ und „HÄÄ“ und dazu läuft Musik.
Die zwei performenden Wesen bewegen ihre Körper auf dem Boden und sie springen, wackeln, zittern, drehen sich, berühren sich. Das Licht wechselt und das Kind neben mir fragt: „Hä, jetzt ist es pink?!“ Das Publikum fühlt mit, rezipiert und reagiert in enormem Tempo. Wenn auf der Bühne menschengemachte Geräusche und imitierte Tierlaute entstehen, die verzerrt sind oder gekreischt, gezirpt, gerufen werden – dann ahmen die Kinder das nach. Nicht alle! Manche sitzen ruhig auf ihrem Stuhl, andere hüpfen mit, stampfen auf den Boden oder versuchen sogar die Stühle zu verrücken.

Es entstehen längere Geschichten und kurze Situationen durch Mimik und Gestik, durch sanfte Musik oder summende Performerinnen. Scheinbar simple Theatermittel wie verschiedenfarbiges Licht und Schattenspiele erzeugen erst noch das Gefühl von Meer (rechts neben mir: „Boah Wasser!“, links neben mir: „Fische glaub ich!“) und erschaffen kurz danach schon ein „MONSTER!“ durch größer werdende Schatten. Instrumente wie Rasseln oder Trommeln, Kostüme, Lichtspiele und eine Windmaschine erschaffen ein wundersames und zauberhaftes Gesamtbild.
Ich merke: die jungen Zuschauer*innen sind Fans von Illusion. Schattenspiele? Wirkungsvoll! Eine Frau im Alugewand, die zu einem kriechenden Alu-Haufen wird? Witzig! Genauso die neuen bunten Kostüme mit Spiegeln und Lichtreflexion am Ende. Oder das weiße Tuch, das in geraffter Form aussieht wie ein pompöses Abendkleid.

Als das Stück zuende ist, fragt jemand neben mir in die Stille und Dunkelheit hinein: „Ist das schon fertig?“ Für mich ist es das noch nicht. Die Zeilen „du bist älter als die Zeit – du Dino, du – deine Flügel sind dein Kleid – du Wunderwesen du“ aus Lena Geues Lied zum Stück klingen noch den restlichen Tag in meinen Ohren nach und benennen genau das, was ich auf der Bühne gesehen habe: unsterbliche Wunderwesen.

Julias Besuch im HochX zusammengefasst in einer Collage.
Julias Besuch im HochX zusammengefasst in einer Collage.

Nach der Vorstellung hat sich May Zarhy noch kurz Zeit für mich genommen, damit ich ihr ein paar schnelle Fragen stellen konnte. Die daraus entstandene Insta-Story fügen wir euch hier ein:

Nach der Vorstellung am 30. Juni gab es auch ein Publikumsgespräch, bei dem wir Theatertanten leider nicht anwesend waren. Einen fotografischen Eindruck davon können wir dennoch vorweisen:

Das Publikumsgespräch nach Libelle. Foto: explore dance.

Wenn euch meine Eindrücke von Libelle jetzt neugierig gemacht haben, könnt ihr hier Nico Grüningers Journal-Beitrag über Libelle lesen.

VON HIER NACH DORT (Lee Méir, André Lewski, Lidy Mouw). Grundschule am Karl-Marx-Ring.
Theresa und Julia.

Am Donnerstag, den 1.7. treffen wir, Theresa und Julia, uns um 9 Uhr morgens an der Grundschule am Karl-Marx-Ring in München. So früh wie diese Woche sind wir sonst selten unterwegs. Aber das ist egal denn JUHU, wir dürfen zu zweit die Vorstellung von hier nach dort besuchen. Und mit besuchen meinen wir MITMACHEN.

Foto: Élise Scheider.

Dass es heute um Abschiede gehen wird und dass Abschiede etwas sind, mit dem auch schon die Viertklässler*innen der Grundschule am Karl-Marx-Ring etwas anfangen können, wird bereits deutlich als wir vor dem Turnhallen-Eingang stehen und uns gemeinsam mit den Schulkindern auf von hier nach dort vorbereiten. “Welche kleinen und großen Abschiede habt ihr schon erlebt?” Das allmorgendliche Verabschieden von der Familie ist eher ein kleiner Abschied stellt sich raus, ein Umzug aus einer anderen Stadt oder einem Land aber doch eher ein Großer.

In der Turnhalle ziehen alle Kinder und alle Erwachsenen ein zusätzliches Kleidungsstück an. Einen Blazer oder eine große Jacke, mit Klett verziert – als Kostüm sozusagen. André erzählt uns danach dass alle Materialien, alle Kostüme und alle Requisiten recycelt sind und werden. Sogar die ganzen Fäden, die wir und die Schulkinder danach verknoten und jeden Knoten mit einem Abschied verbinden und uns davon erzählen. Nicht nur Umzüge sind große Abschiede, sondern auch der Tod von Familienmitgliedern und Haustieren.

Die gesamte Performance ist ein Auf und Ab von Nachdenklichkeit, Trauer, aber auch Glück, Dankbarkeit und Freude. Verabschiedung von Menschen, Tieren, Dingen und Entscheidungen und allen positiven und negativen Facetten der Abschiede. Wir malen und schreiben auf, was uns an der Welt fehlen wird, wenn wir sie verlassen. Wir basteln Abschiedsgestecke aus Naturmaterialien, um uns endlich von den Menschen, Tieren, Dingen und Entscheidungen verabschieden zu können, von denen wir das bisher nicht geschafft haben. Weil die Situation nicht gepasst hat oder weil es zu schwierig war. Aber wir feiern auch eine fröhliche Abschiedszeremonie und kletten Rasseln an unsere Jacken, machen Lärm mit Folie und recycelten Musikinstrumenten.

Durch das Basteln und Ausstellen der entstandenen Gegenstände bekommen die großen und kleinen Abschiede einen tatsächlichen Raum in dem sie stattfinden können. Eine Landschaft voller Abschiede sozusagen, die wir in unserer Mitte aufbauen und die wir betrachten können. Auf einmal sind die Abschiede nicht mehr so abstrakt und ungreifbar wie sonst, sondern tatsächlich und wirklich vor uns. Da zeigt sich auch: Für jede*n sieht ein Abschied anders aus, aber jede Form und jedes Gefühl ist in diesem Zusammenhang ok und gut.

Das partizipative Stück von hier nach dort behandelt ein wichtiges, allgegenwärtiges und doch im Alltag wenig besprochenes Thema. Die Viertklässler*innen müssen sich bald von der Grundschule verabschieden, aber sie haben schon so viel mehr Abschiede erlebt, dass es unglaublich wertvoll scheint, in so einem safe space mal darüber zu sprechen. Die Kinder haben sich geöffnet, ihre Geschichten erzählt und die Erwachsenen im Raum haben mitgemacht. Niemand wurde bewertet.

Einblicke in Kostüme und Requisiten bei “Von hier nach dort”. Fotos: Theatertanten.

Nach der Vorstellung haben sich die 3 Künstler*innen noch kurz Zeit für uns genommen, damit wir ein paar schnelle Fragen stellen konnte. Die daraus entstandene Insta-Story fügen wir euch hier ein:

XOXO (Sebastian Matthias). HochX.
Theresa.

Die letzte Inszenierung, die wir sehen durften oder in diesem Fall ich – Theresa, ist XOXO von Sebastian Matthias. Schon vor dem HochX fällt auf, dass sich das Publikum von dem der anderen Inszenierungen unterscheidet. Es sind vor allem junge Erwachsene oder schon etwas ältere Teenager, die diese Aufführung besuchen. Das liegt ganz offensichtlich an der Thematik, die in dieser Inszenierung behandelt wird. Die Inszenierung ist für Jugendliche ab 14 Jahren, denn die zentralen Themen sind Consent, Sexualität und Intimität – Was bedeuten überhaupt Einvernehmlichkeit und Intimität und wie spricht man darüber?

Foto: Raetzke

Auf dem Weg von Eintritt zu dem zugeordneten Sitzplatz laufen alle Zuschauer*innen an einer Reihe von ausgestellten Gegenständen vorbei. Es fühlt sich kurz nach einem Museumsbesuch an. Die Objekte haben oft etwas skurriles an sich und sind sowohl durchnummeriert als auch mit Titeln besehen. Von Kerzenständern über elektrisch rotierende Federn bis zu Popcornmaschinen und Pflanzen ist alles dabei.

Sobald alle sitzen fängt es richtig an. Die Performer*innen stellen sich vor und steigen in das Thema ein – erzählen über Erfahrungen und sexuelle Themen, die ihnen unangenehm sind. Damit wird von vorneherein jegliche Scham aus dem Weg geräumt: Jetzt kann einfach ohne Unbequemlichkeiten getanzt und gesprochen werden.

Schon bald werden Kopfhörer verteilt. Über diese kann man ab nun die Stimme des jeweiligen Performers hören, der das Mikrofon nutzt. Das schafft eine ganz eigene Intimität. Die Stimme ist direkt bei den Zuschauer*innen im Ohr und spricht sie direkt an. Dadurch ist jede*r in einer eigenen Welt, obwohl wir alle das gleiche hören und sehen. Ab und zu hebe ich die Kopfhörer ab, um zu lauschen und es ist – wie in einer Silent-Disco – ein wenig absurd, aber interessant. Man hört die Musik, die nicht über die Kopfhörer gespielt wird, und sieht die sich dazu bewegenden Körper, aber man hört eben die Stimmen nicht, die erzählen. Sie erzählen vor allem von intimen und sexuellen Erfahrungen – guten und schlechten.

Während der Performance werden Consent und Intimität im Tanz und verbal erklärt und gezeigt. Den Zuschauer*innen wird das nicht nur visualisiert und als Thema vermittelt, sondern ihnen wird ein Vokabular an die Hand gelegt, das ein Gespräch über diese Themen erleichtern kann. Im Laufe der Performance werden all die Gegenstände, die zu Beginn besichtigt wurden, auf die Bühne geholt und in die Bewegungen und Geschichten mit eingebaut. Sie sind nicht nur Requisiten, sondern eher Symbole oder Metaphern.

Die Performance zeigt, dass man mit Jugendlichen und Erwachsenen über all diese Themen sprechen kann und muss. Auch ich habe mir vor der Performance gedacht “Das ist aber ein großes Thema – da muss man sich erstmal herantrauen in einer Tanzperformance.” Und das stimmt vielleicht auch, aber Sebastian Matthias und die Performer*innen haben den richtigen Weg gefunden zwischen Körperlichkeit und Sprache und vor allem wurde ein Raum geschaffen, der von Scham befreit ist.

In einem Publikumsgespräch nach der Performance werden die zentralen Stichworte nochmals aufgegriffen: Einwilligung, Intimität und Sexualitäten. Bei diesem Gespräch wird insbesondere deutlich, dass diese Themen in unserer Gesellschaft gerne hin und her geschoben werden: Wer ist denn nun zuständig für ein Aufklärungsgespräch mit Kindern und Jugendlichen – die Eltern oder die Schule? Warum gibt es nur Sexualkunde an den Schulen und keine Intimitätskunde? Darum müssen diese Gespräche überall geführt werden und eben auch im Theater, wo ja sogar viel mehr Wege und Mittel der Kommunikation zur Verfügung stehen als anderswo.

Die Thematik geht alle etwas an, wird in dem Gespräch klar, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Einvernehmlichkeit und Einwilligung spielen nicht nur in einem sexuellen Kontext eine Rolle. Die Performer*innen haben zum Beispiel vor Beginn der Proben ebenfalls Grenzen gesteckt und kommuniziert: So ein Consent-Gespräch kann und muss eben auch auf anderen Ebenen stattfinden.

Fotos: Theatertanten