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Fotos: Pia Pritzel; Video: Moritz Marx; Musik: Michael Schulik

 

Das Überbringen von Spielanleitungen, oder: Wie sich unser Körper durch die Pandemie verändert

ein Beitrag von Pia Pritzel (Bildmedien) & Moritz Frischkorn (Text)

 

 

Leider konnte der Hamburger Choreograph Moritz Frischkorn sein geplantes Stück Transformations aufgrund der Corona-Pandemie nicht erarbeiten. Die Fotografin Pia Pritzel wollte die künstlerische Produktion für eine Fotodokumentation begleiten, um einen Einblick in den Probenprozess und in die Workshops mit den Schüler*innen zu geben. Pia und Moritz fragten sich, wie sie das junge Publikum mit Tanz und Choreographie nun trotzdem erreichen können und entwickelten ein Konzept, in dem sie zwei Projekte zusammenführten: explore and dance (Spielanleitungen für Kinder und Jugendliche) und Herzpost.

 

Dieser Beitrag soll als Dokumentation der Hintergründe der Konzeptentwicklung und der Umsetzung des Kooperationsprojekts dienen und richtet sich vorwiegend an ein Fachpublikum. Die Bilder und Videos sind Teil des Projekts und sprechen Kinder und Jugendliche, sowie Erwachsene an, die an diesem Projekt teilhaben möchten.

 

Bedingt durch die Kontakt-Beschränkungen zur Eingrenzung der Corona-Pandemie entwickelten einige Kulturorte Spielanleitungen, die sich an ein junges Publikum richteten. So auch das explore dance-Netzwerk. Für die Zeit, in der keine Produktionen zur Aufführung kommen konnten, formulierten die explore dance-Choreograph*innen Spielanleitungen für das Online-Journal, um das junge Publikum spielerisch zu Bewegung anzuregen. Was zum Beispiel hat eine Collage mit Tanz zu tun und wie können Kinder von Zuhause aus in fantastische Welten eintauchen? Die Aufgaben sind hier im explore dance Online-Journal abrufbar.

 

In Bezug auf diese Spielanleitungen setzten sich Pritzel und Frischkorn mit den folgenden Fragen auseinander: Erreichen die digitalen Spielanleitungen die Kinder? Wie geht das junge Publikum mit den digitalen Formaten um? Was passiert mit den Aufgaben und wie werden sie Zuhause umgesetzt? Wie können wir das digitale kulturelle Angebot analog übersetzen? Um sicherzustellen, dass die Aufgaben auch ankommen, beschlossen sie, das Augenmerk gerade auf die Übermittlung der Spielanleitungen – die feine logistische Choreographie des Transports zu den Adressaten – zu legen. Sie wollten nicht alleine auf das Internet als Medium des Austausches vertrauen, sondern analoges Material und das Überbringen von Nachrichten in den Vordergrund stellen.

 

Für dieses Experiment bot sich Pritzels aktuelles Projekt Herzpost (#❤️post) an, in dem sie Brieffreundschaften mit Kindern und Jugendlichen organisiert, die sozial benachteiligt sind. Mit Hilfe von Aufrufen über Instagram sammelt sie – ganz analog – Post, die sie dann an Kinder und Jugendliche weiterleitet. Dafür baut sie ein Netzwerk zu sozialen Organisationen auf und arbeitet u.a. mit Gertrude hilft , dem Kinderschutzbund Hamburg  und Fördern&Wohnen zusammen. Ihr Ziel ist dabei einerseits, Kindern und Jugendlichen eine kreative Aktivität anzubieten und ihnen damit aus einer möglichen Corona-Sommerferien-Langeweile, zumindest kurzzeitig, herauszuhelfen und im besten Fall darüber hinaus. Einige gehören zur Risikogruppe und sozialer Austausch kommt für sie zu kurz. Gleichzeitig bietet das Projekt eine einfache Möglichkeit des sozialen Engagements und versucht dafür zu sensibilisieren, dass hinter Sammelbegriffen (Flüchtlinge, strukturell/sozial benachteiligte Kinder) immer Individuen stehen. Herzpost bietet die Möglichkeit, sein Privileg zu nutzen, um strukturell benachteiligte Menschen auf spielerische Art und Weise zu unterstützen.

 

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Im Folgenden dokumentieren wir hier zwei choreographische Aufgaben aus den Vorrecherchen zur Produktion Transformations:

 

1. Aufgabe COLLAGE & KÖRPERBILDER

 

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Für die erste Aufgabe arbeitet Frischkorn mit dem Medium der Collage. Diese künstlerische Ausdrucksform, die u.a. eine Tradition als queere Kunstform hat, regt dazu an, sich über das eigene Körperbild Gedanken zu machen. Inspiriert von bereits bestehendem Bildmaterial, treffen die Jugendlichen Entscheidung darüber, welches Material sie verwenden wollen, sie ordnen die Bilderausschnitte an, arrangieren sie räumlich, und sortieren sie nach Farben und Formen. Dabei geht es einerseits darum, sich zu bestehenden Körperbildern zu verhalten, gleichzeitig ist eine Collage die Einladung, sich ein neues Bild des eigenen Körpers zusammenzusetzen.

 

Der Choreograph hat eine eigene künstlerische Sprache, mit der er Kinder und Jugendliche auf einer kreativ sinnlichen Ebene erreicht. „Wie hat sich Dein Körper in der Ausnahmesituation verändert?“ fragt Moritz Frischkorn die jungen Adressaten. Die Kinder sind eingeladen, ihre körperlichen Erfahrungen, die sie durch die Einschränkungen während Corona erleben, über künstlerische Anregungen und Spielanleitungen zum Ausdruck zu bringen. Oftmals sagt die Auswahl der Farben, Formen und die Zusammensetzung einzelner Elemente zu einem Gesamtbild viel mehr über das Erleben und die Erfahrungen einer Zeit aus, als es das gesprochene Worte beschreiben könnte.

 

Das Collagieren von Bewegung und Bild ist eine vielfältige künstlerische Verfahrensweise. Ob als Filmschnitt, als choreographische Kompositionsmethode oder als spielerische Auseinandersetzung mit medialen Bildern des Körpers, immer wird das Augenmerk auf das Zusammenspiel von Kontinuität und Unterbrechung gesetzt. Das spiegelt die gesellschaftliche Situation: Routinen sind unterbrochen, für eine Weile waren alle gewöhnlichen Aktivitäten für Kinder ganz ausgesetzt. Die Frage danach, wie das den eigenen Körper betrifft, ist dabei noch keine choreographische Auseinandersetzung an sich, bietet aber eine Grundlage für die weitere Reflexion darüber. Zugleich erlaubt die Collage spielerische und fantastische Aneignungen: Wer weiß, vielleicht wäre man im Moment gerade gerne eine fliegende Superheldin oder eine Raupe, die sich verpuppt?

 

 

 

 

 

 

 

Wenn ihr auch Herzpost erhalten & verschicken wollt, dann schreibt an mail@piapritzel.com Hier könnt ihr Pias sozialen Projekte verfolgen: https://www.instagram.com/pias_kids/?hl=de

 

 

2. Aufgabe GESTEN CHOREOGRAPHIEREN

 

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In der zweiten Aufgabe geht es um die Wahrnehmung von Gesten, die Bewusstmachung von Alltagsgesten, die sich in unsere Körper eingeschrieben haben und die kaum zu beobachten sind, da diese Körperbewegungen und Haltungen intuitiv und unbewusst passieren. Warum schlage ich so oft meine Beine übereinander? Und welche Impulse von außen lassen meine Arme verschränken? Wie kann ich mit meinem Körper zum Ausdruck bringen, dass ich stark und mutig bin? Wieder geht es Frischkorn darum, das Augenmerk darauf zu richten, welche Gesten gerade durch die besondere gesellschaftliche Situation im Zuge der Pandemie stärker hervortreten. Welche Gesten nehmen Kinder und Jugendliche gerade im Moment besonders wahr, sind es die Hände, die ständig gewaschen werden müssen, sind es die fehlenden Berührungen, andere Formen der Begrüßung?

 

Das Gestische ist als choreographisches Material altbekannt. Als körperliche Bewegungen, die eine Gestimmtheit oder Affekte des Körpers ausdrücken und kommunizieren wollen, schweben Gesten zwischen kommunikativer Intention und der ihnen innewohnenden Mehrdeutigkeit. Sie sind Ausdruck dafür, wie der Körper immer schon spricht und sich zu seiner Umwelt verhält, zugleich lassen sie sich nicht immer eindeutig enträtseln. Gesten sind dabei stark von ihrem jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext abhängig. Das Schwinden ihrer allgemein verständlichen Bedeutung wird schon im 19. Jahrhundert als ein Auseinanderfallen von gesellschaftlichen Strukturen wahrgenommen. In einer komplett veränderten Welt, die durch die Pandemie zum Stillstand gekommen ist und plötzlich wieder Geschwindigkeit aufnimmt, entstehen möglicherweise neue Gesten – Gesten, deren Bedeutung und Zukunft wir noch nicht kennen.

 

Frischkorn fordert die Jugendlichen auf: „Beobachte Deine Eltern, Geschwister, wenn sie auf der Couch sitzen, miteinander reden, freudig oder wütend sind. Wie bewegen sie sich und welche Haltungen nehmen ihre Körper ein? Wie ist das auf der Straßen, in der Schule, welche Bewegungen tauchen dort immer wieder auf? Sammle diese Gesten oder Posen: Du kannst sie fotografieren, malen oder Dir tief in Dein Gedächtnis einprägen. Wichtig ist, dass Du sie genau beobachtest. Wie schnell ist die Bewegung? Wie ist der Gesichtsausdruck? Versuche diese Gesten so genau wie möglich zu imitieren/nachzustellen.“

 

Hier sind ein paar Beispiele von möglichen Gesten:

 

Wenn Du mindestens drei Gesten zusammen hast, machst Du daraus einen kleinen Tanz, so lautet die Aufgabe. Du spielst Dein Lieblingslied und ordnest die Gesten hintereinander an. Als Inspiration kannst Du dieses Video anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=ZiWtflMzflQ

 

 

Fazit

 

Noch ist ganz unklar, auf welche Art und Weise Corona unsere Welt verändern wird. Darüber gemeinsam nachzudenken, auch mit Kindern und Jugendlichen, ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Choreographisches Arbeiten kann dabei besonders die körperliche, gestische und performative Ebene von Veränderungen und neuen Strukturen spielerisch erfahrbar machen. Zugleich sind Tanz und Choreographie in besonderem Maße von der geteilten Erfahrung, von Versammlung und physischer Nähe abhängig. Im Frühjahr und Sommer 2020 war das nicht möglich. Die Briefe von Frischkorn und Pritzel stellen den Versuch dar, mit Hilfe des alten, analogen und materiellen Mediums des Briefes Kontakt herzustellen. Dafür bedarf es einer eigenen Choreographie, einer Choreographie des Zeichnens, Schreibens, Verpackens, Tragens, Lesens, Ausprobierens. Es ist der Versuch, körperliche Affektion auch über die Distanz fortzuführen. Dass dabei nicht einfach gepostet wird, sondern postalisch Verbindlichkeit entsteht, scheint eine Setzung und bewusste Entscheidung zu sein. Denn wer weiß, vielleicht bringt die Krise auch wieder alte Formen und Wege der Kommunikation zutage. Der algorithmischen Kontrolle von Bewegung stünde dann der mannigfaltige, diskrete Postweg gegenüber, der Rückkehr zur Normalität eine besondere Aufmerksamkeit für die körperlichen Veränderungen und Bedürfnisse, die in der Krise deutlich wurden.