Raum und Sound

LUCIA GLASS: DIE CHOREOGRAPHIE DER DINGE UND GERÄUSCHE

 

Mit Schüler*innen im Alter zwischen 11 und 19 entwickelt die Hamburger Choreographin Lucia Glass ein Pop-up-Stück im Rahmen von explore dance – Tanzpakt Stadt-Land-Bund. Eine Aneignung von Raum unter radikalem Zeitdruck. Und unter verschärften Arbeitsbedingungen. Ein Probenbesuch.

Von Falk Schreiber

 

Eine Turnhalle. Durch die geöffnete Tür zum Materialraum fällt ein kleiner Kubus. Plong. Und noch einer. Plongplong. Und immer mehr Kuben, und dann eine Performerin, und noch eine, und noch einer, Plongplongplong, und plötzlich ist die Turnhalle keine Turnhalle mehr, sondern eine Bühne, und das Arrangieren der Kuben ist kein Rumräumen, sondern eine Szene. „Da ist der Raum“, beschreibt Lucia Glass ihren Eindruck von der Halle, „der ist nackt, und wir schieben fünf Kisten rein, haben vielleicht ein bisschen Sound, und plötzlich ist was anderes los. Plötzlich sagt das Ding: Kunst!“

 

ABSTRAKT UND KONKRET

 

Die Choreographin Glass probt das Pop-up-Stück Die Choreographie der Dinge und Geräuschean der Stadtteilschule im Hamburger Elbvorort Blankenese; ein kurzes Stück, in dem eine Gruppe Jugendlicher aus den Jahrgängen 6 bis 13 gemeinsam mit den Tänzer Jonas Woltemate und dem Musiker Clemens Endreß die Verhältnisse zwischen Raum und Körper, zwischen Objekt und Sound erforschen. Die Performer*innen erkunden spielerisch, was sich mit den Kuben, kleinen, reduzierten Objekten anstellen lässt, sie bilden Gruppen, lösen sich auf, nutzen den Raum. Und Glass’ Blick ordnet diese Erkundungen, bis sie sich zu einem echten Stück fügen – bei der Premiere am 24. Mai (und bei den Pre-Showings am 2. und 3. Mai) soll eine etwas über 30-minütige Choreographie stehen, die zwar abstrakt bleibt, aber ganz konkret durch die Kuben bestimmt wird. „Von Beginn an mit einem Objekt zu arbeiten, bringt einen direkt in eine greifbare Auseinandersetzung“, erläutert Glass den Ausgangspunkt ihrer choreographischen Arbeit. Und die Verwendung dieses Objekts wird dann erweitert, beispielsweise durch Endreß’ Sounds. „Die Kuben werden teilweise mit Geräuschen belegt. Das Objekt erhält Bedeutungen, die es an sich nicht hat. So entsteht ein Kontext, ein Raum oder ein Geräusch, das der Kubus alleine gar nicht herstellt.“

 

VIER WOCHEN PROBENZEIT

 

Glass choreographiert, die ersten Ideen aber kommen von den Schüler*innen. Seit Januar arbeitet die 1976 in München geborene Künstlerin mit den Jugendlichen, dann gibt es eine Woche Recherche mit Woltemate und Endreß, es folgen drei intensive Probenwochenenden, in denen aus Vorarbeiten und Recherche das Stück destilliert wird. Außerdem gibt sie jede Woche kurze Körperübungen, 20 bis 25 Minuten in der Unterrichtspause. An den Intensivwochenenden performt Woltemate gemeinsam mit den Jugendlichen, und Glass begutachtet das Ergebnis kritisch, verwirft, arrangiert um, denkt weiter. Unter großem Zeitdruck: Sie arbeitet hier nicht mit Profitänzer*innen, die ihre gesamte Konzentration aufs Stück richten können, sondern mit Schüler*innen, die noch ganz andere Prioritäten haben, die sich zum Beispiel gerade aufs Abitur vorbereiten. Und die hier dennoch für kurze Zeit den Fokus auf die gemeinsame künstlerische Arbeit legen. „Wir haben insgesamt vier Wochen, und in relativ kurzer Zeit entsteht unsere Produktion“, beschreibt Glass dieses hochkonzentrierte Arbeiten. „Künstlerisch heißt das: Ich muss sehr schnell entscheiden, was funktioniert und was nicht, gleichzeitig kommen Ideen, und ich probiere sie aus.“ Aber auch die Schüler*innen sind gefordert, in kürzester Zeit funktionierende Bilder zu erfinden. Für Glass eine Situation, die anstrengt, die aber auch ihren Reiz hat: „Das ist toll, weil einen das auch befreit.“

 

UNTERSCHIEDLICHE ERFAHRUNGEN

 

So divers wie die Altersstruktur ist auch der Zugang zum zeitgenössischen Tanz unter den Jugendlichen. Ann-Sophia, mit elf Jahren die Jüngste unter den Teilnehmer*innen, macht seit ihrer Kindheit klassisches Ballett, weiß aber selbst, dass das, was Glass mit ihnen entwickelt, ein ganz anderes Thema ist. Die 14-jährige Jule erzählt, dass sie in der fünften Klasse mal einen HipHop-Kurs mitgemacht habe, mit zeitgenössischem Tanz aber bisher nicht in Berührung kam. Und Jasper (19) hat überhaupt keine Tanzerfahrung auf der Bühne: „Also, ich tanze viel in meiner Freizeit, aber …“ Und dennoch, aus all diesen unterschiedlichen Perspektiven entsteht ein homogenes Stück.

Ein Stück, das seinen Reiz unter anderem aus der Tatsache zieht, dass sich die Beteiligten ständig einbringen können. „Das Coole an diesem Projekt ist, dass von Lucia und Jonas Denkanstöße kommen, als grober Fahrplan, in welche Richtung das gehen soll“, erzählt Jasper. „Aber jeder einzelne kann jederzeit sagen, was er ändern würde, welche Idee er gut findet, was man mal ausprobieren sollte.“ Eine Zusammenarbeit, die auch Glass so unterschreiben würde: „Die Schüler*innen sagen sofort, wenn was nicht funktioniert. Du kannst als Choreographin deine Visionen nicht gleichermaßen einfordern wie in einem professionellen Kontext. Da kommt dann sofort ein Einwand. ,Warum machen wir das?’, ,Ich fühle mich damit nicht wohl‘, ,Mir ist langweilig‘.“ Was anstrengend ist. Aber auch befriedigend – weil die Schüler*innen sich in dieser Position des Hinterfragens künstlerisch entwickeln.

 

HETEROGENE CHARAKTERE

 

Die verschiedenen Zugänge, die verschiedenen Erfahrungswerte ergeben nach und nach ein Stück, dessen Qualität in der Heterogenität der Teilnehmer*innen liegt. Schon in der Probe deutet sich an, wie stark die einzelnen Charaktere die fertige Choreographie prägen werden, und wie sich diese Vielschichtigkeit am Ende dennoch zu einer Einheit entwickelt, sanft angeleitet durch Glass’ choreographischen Blick, sanft in eine Richtung geführt durch Woltemates Performance.

Die Schüler*innen bilden eine Einheit, ein Knäuel aus Körpern. Es folgt eine zaghafte Bewegung mit dem Arm, eine erste Schülerin löst sich aus dem Knäuel, eine zweite, ein Kubus wird über den Boden geschoben, Plongplongplong. Und schon hat sich eine neue Szene entwickelt.

„Plötzlich sagt das Ding: Kunst.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.