Für mich. Ein Tanzstück für Kinder und Jugendliche von der Choreographin Antje Pfundtner

Tanz als spielerische Provokation

Antje Pfundtner in Gesellschaft: Für mich

 

Gemeinsam mit ihrem Team hat die Hamburger Choreographin und Tänzerin Antje Pfundtner ein Stück für Menschen ab 8 Jahren entwickelt – im Rahmen von explore dance – Tanzpakt Stadt-Land-Bund. Für mich behandelt die zentralen Fragen des Lebens und ist zugleich eine (Rück)-Widmung an die jungen Zuschauer*innen, die eigentlichen Impulsgeber dieser Arbeit.

Von Katrin Ullmann

 

Eines ist klar: Mit jungen Zuschauer*innen Tanz zu gucken, ist so selten wie ungewohnt. Lange vor dem Einlass hallt überdrehtes Gelächter durchs Foyer, alle paar Sekunden platzen bunte Kaugummiblasen, es wird gedrängelt und geschubst und, sind die Plätze erstmal eingenommen, kann von still sitzen oder still sein keine Rede sein. Da ist eine Menge Energie unterwegs. Ungebändigt, ungestüm und ungebrochen. Aber wie ist es eigentlich, ein Tanzstück für junge Zuschauer*innen zu erarbeiten? Wie fängt man an? Oder möchte, wird, kann ein*e Choreograph*in künstlerisch überhaupt anders arbeiten, nur weil die Altersstruktur des Publikums vorgegeben ist? „Ich frage mich, was man für inszenatorische Unterschiede macht oder machen sollte. Ich finde, dass ist eher ein strukturelles und gesellschaftliches Problem. Junge Menschen sollten sich eh vielmehr im Theater rumtreiben und man produziert gar nichts so exklusiv nur für sie“, formuliert Antje Pfundtner ihren ersten Gedanken zu dieser „Auftragsarbeit“ im Rahmen von explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum — Tanzpakt Stadt-Land-Bund. Man merkt, dass Pfundtner zweifelt, fast ein bisschen mit sich hadert und sich an dem vorgegebenen Rahmen reibt. Und doch ist dann für sie und ihr Team die Beschäftigung mit der „Zielgruppe  8+“ zentral. Nicht etwa, weil Pfundtner ihre Bedenken aus dem Weg geräumt hat, sondern weil sie sich auf ihre eigene, stets forschende Arbeitsweise besinnt. 

 

Im Kontakt mit der Zielgruppe

 

Wie so oft in ihren Arbeiten, sucht sie erneut – oder gerade jetzt – die Auseinandersetzung mit dem Publikum integriert es in den Stückentwicklungs- und Probenprozess. Sie stellt die jungen zukünftigen Zuschauer*innen ins Zentrum, befragt sie als Impulsgeber*innen. Stellvertretend sind das etwa zwei Dutzend Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 16 Jahren. Mit ihnen führen Pfundtner und ihr Team Gespräche: „Ich bin in die Falle getappt, ganz bewusst. Dadurch, dass ich sie befragt habe, sind die Jugendlichen für mein Stück natürlich essenziell geworden. Als die Ausgangsquelle.“ Sie führt Interviews, um herauszufinden, was die Jugendlichen interessiert „und mich eben auch“. In ihrem Stück für explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum — Tanzpakt Stadt-Land-Bund will sie auf keinen Fall etwas Dienstleistendes erarbeiten, etwas, das nur und ausschließlich für eine junge Zielgruppe funktioniert. Aus zahlreichen Gesprächen mit den Kindern und Jugendlichen ergeben sich bald die großen Fragen des Lebens und schließlich kristallisiert sich daraus eine Frage heraus: „Was wirst Du nicht genug gefragt?“ Es sind die existenziellen Anliegen, die Antje Pfundtner und ihr Team interessieren. Hier scheinen sich die Grenzen zwischen den Generationen aufzulösen. Und so lotet das Team in seiner Recherche Philosophisches genauso aus wie Befindlichkeiten und altersspezifische Dünnhäutigkeiten. So kommen die Performer*innen ihrem Publikum nah und genau diese Nähe funktioniert. 

 

Körperliche Nähe als spielerische Provokation

 

Was ihr wollt, so lautet zunächst der Arbeitstitel, Für mich hat Antje Pfundtner ihr Stück schließlich genannt, das sie mit ihrem Team und den Tänzern Juliana Oliveira und Norbert Pape entwickelt hat. Entsprechend begreift Pfundtner ihr Stück als Hommage, als Rück-Widmung an eben jene Jugendliche. An die Impulsgeber*innen, die indirekten Protagonist*innen dieser Arbeit. Die Altersempfehlung „ab 8“ ist dabei so schwer zu fassen und so divers wie das Publikum einer jeden Vorstellung. Mal scheint es irritiert, mal fast überfordert, mal quatschen energiegeladene Teenager laut dazwischen, mal werden Grundschulkinder während der Performance ganz still und ernst und geben in den Nachgesprächen kluges, differenziertes Feedback. Die Adoleszenz generiert – wie an Jahresringen abzählbar – mit jedem Lebensjahr ein anderes und stets individuelles (Selbst)Verständnis von der eigenen Körperlichkeit, öffnet fortwährend neue intellektuelle Fenster. Pfundtner, Oliveira und Pape stoßen diese weit auf: „Der nächste Tanz ist ganz allein für Euch!“, rufen sie den jungen Zuschauer*innen zu und begeben sich in knallroten Trainingsanzügen und voll freudiger Wucht in eine herausfordernde Konfrontation mit ihnen. Sie werfen eigene und fremde Statements in den Raum, erzählen persönliche Geschichten und öffnen damit Räume für die Geschichten der Zuschauer, sie provozieren körperliche Nähe, tanzen einen schlichten Step-Touch genauso wie den kultigen Zahnseide-Tanz aus dem beliebten Computerspiel „Fortnite“. Beides, sich permanent loopende Abläufe, die in ihrer einfachen Wiederholung von Bewegung und Tanz erzählen – und diese dabei selbstironisch hinterfragen. 

 

Energievoll, durchlässig und unberechenbar

 

Die Performer*innen kennen die Codes ihrer Zuschauer*innen. Sie irritieren die Kinder mit einem innigen Pas de deux, sie kommen ihnen nah, stellen ungemütliche Fragen und überschreiten (Scham)-Grenzen. Später queren sie mit weichen Bewegungen und frech rülpsend den Raum, noch später bewegen sie sich in Jumpstyle-Moves so hoch energetisch, dass es ein paar Jugendliche von den Stühlen reißt. Die Zuschauer*innen sind nah um das Geschehen gruppiert, in wenigen Stuhlreihen umrahmen sie die weitgehend leere Bühne. Sie können nicht ausweichen, sind der Situation ganz absichtlich ausgeliefert. Die Performer*innen indes suchen und halten Blickkontakt mit ihnen und integrieren sie unvermittelt in ihren Tanz, in ihr Spiel. Aus der wiederkehrenden Frage etwa „Zusammen oder auseinander?“, die Norbert Pape zunächst harmlos auf seine aneinandergeschmiegten Hände oder seine nebeneinander stehenden Füße bezieht, und die die Zuschauer*innen spontan rufend beantworten, entsteht bald eine persönliche, bald eine politische Fragerunde: „Meine Eltern – zusammen oder auseinander?“, „Deine Eltern – zusammen oder auseinander“?, „Deutschland – zusammen oder auseinander?“, „Europa – zusammen oder auseinander?“. Für mich funktioniert extrem gut als Tanz für junge Menschen. Vermutlich, weil das Stück ein bisschen so ist wie sein Publikum: hemmungslos und energievoll, durchlässig und unberechenbar.

 

Gelenkter Blick, durchmischtes Publikum

 

Doch ist das wirklich so? Wäre das Stück ein anderes, stünde nicht „ab 8 Jahren“ dahinter? Wäre es weniger hemmungslos und energievoll, weniger durchlässig und unberechenbar? Vermutlich nicht. Vermutlich entsteht diese Zuschreibung vor allem durch den gelenkten Blick. Vermutlich ist das Stück genauso und damit auch ganz anderes seh- und erlebbar von einem rein erwachsenen Publikum. Natürlich ist die „Information dieser Jugendlicher da irgendwo mit drin“, resümiert Pfundtner und fügt hinzu: „Da es mich selbst aber auch anspricht, könnte man auch fragen, ist das vielleicht ein Stück für 42-jährige Frauen, die in einer Großstadt leben?“ Nach Aufführungen an verschiedenen Spielstätten, morgens, nachmittags und abends und mit einem in der Altersstruktur entsprechend unterschiedlichem Publikum, fasst Pfundtner zusammen: „Am besten funktioniert es, wenn da ein durchmischtes Publikum sitzt.“ Am Ende einer so besuchten Aufführung etwa stand das ganze Publikum auf und tanzte, übernahm die Bühne, imitierte Bewegungen aus dem Stück – fast so als würde die Inszenierung einfach weitergehen, erinnert sich die Choreographin und stellt sich und damit den zuständigen Institutionen erneut die Frage: „Warum macht man nicht aus jedem ,jugendfreien‘ Stück eine Matinée oder eine 18 Uhr-Vorstellung für Familien?“

 

Gutes Timing und der Rausch des Affekts

 

Die Frage, ob sich eine bestimmte Zielgruppe festsetzen und ob sich Tanz für eine bestimmte Altersgruppe produzieren lässt, bleibt für Pfundtner letztlich offen. Wenn eine solche Zuschreibung im Vorfeld geschieht, dann möglichst spät im Probenprozess, so ist Pfundtners Erfahrung. 

Und auf der ästhetisch-künstlerischen Ebene, hat sie da etwas anders gemacht? „Natürlich möchte man gegen eine bestimmte Zielgruppenvorgabe resistent sein und doch ist es eine zentrale Information.“ Dennoch bleibt  die Altersvorgabe schwierig für sie. „Unsere Hauptrecherchegruppe waren Jugendliche im Alter von 13 bis16 Jahren. Wenn auf der Bühne dann allerdings ausschließlich Kleine sind (etwa im Alter von 6 bis 10 Jahren), dann wird vermutlich nicht alles in dem Stück für sie aufgehen. Man merkt als Performerin, die Aufmerksamkeit seines Publikums natürlich stark – und kann diese ja auch bewusst durch die Inszenierung lenken. Ein sehr junges Publikum bleibt z.B. manchmal gerne im Rausch des Affekts hängen. Das muss man als Performerin wissen, um sie dann auch wieder in ihrer Aufmerksamkeit zu bündeln. Eine Durchmischung fängt das auf. Aber wenn man dann eine Ausschließlichkeit einer Altersgruppe im Publikum hat, die viel jünger ist, als die Recherchegruppe, dann fange ich an mich zu fragen, ob ich das Stück dann vielleicht doch anders inszeniert hätte? Und da falle ich dann erneut in die Falle. Oder auch nicht?“

Danach fügt sie lachend hinzu, und, was sie sagt klingt fast wie eine leichte Ironie des gesamten Vorhabens: „Nach den Vorstellung gab es sogar Rückmeldungen von Veranstaltern, dass sie sich vorstellen können das Stück auch einem erwachsenen Publikum zu zeigen. Denn wie sagten sie so schön: „Das war auch FÜR MICH.“

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