Collage: Superheld mit selbst gestrickten Socken und Handschuhen; ein feiner Herr im Reifrock; Schäfer*in mit Felljacke und Hut; Tänzer*in mit Schal und Handschuhen; Seiltänzerin mit Kringelbart; Ritter mit Handtasche; Kosmonautin oder Astronaut?; Bauchtänzer*in mit Blumenbadekappe.


Superheld*innen in Wollsocken

Oder: Ich packe meinen Koffer und nehme mit … ein Tanzstück zum Spinnen!

 

Künstlerzwilling deufert&plischke entwickeln gemeinsam mit Schulkindern aus der Freien Schule Potsdam ein „Pop-Up“-Tanzstück, das bewegte Geschichten über Kleidung versammelt und vom Spaß am gemeinsamen Tanzen lebt. Der Clou: die gesamte Stückanleitung lässt sich innerhalb von nur 4 Stunden Probenzeit auf jede andere Bühne übertragen: spinnen webt so ein Netz von Geschichten, Lieblingsbewegungen und Zusammensein, das (fast) überall ausgeworfen werden kann. Die Idee: das in Potsdam erarbeitete Stück wird ab Januar zunächst in benachbarten Schulen und dann deutschlandweit adaptiert und aufgeführt: Tanzstück zum Mitnehmen, sozusagen – spinnen auf Tour.

Von Alexandra Hennig

 

Eines sei voran gestellt: spinnen lässt in mir als Zuschauerin den Glauben an das transformative Potential von Tanz wieder (er)wachsen (werden): hier werden im Kleinen spielerisch große Fragen verhandelt, Gender-Stereotype abgestreift, Gruppenprozesse sichtbar gemacht und nebenbei wird die vierte Wand zwischen Zuschauer*innen und Performer*innen eingerissen. Frei und tänzerisch spinnen lässt es sich wohl am besten im Team – und das kann Dank der multiplen Bedeutung des Wortes gleich Vieles auf einmal sein und ganz unterschiedlich aussehen. Auch wenn die Projektbeteiligten hier vordergründig mit einer textilen Dimension gearbeitet haben, ermutigt spinnen im besten Sinne dazu, beherzt den Faden zu verlieren.

 

Arachne war eine begabte Frau.

 

Wenn deufert&plischke einen so mehrdeutigen Titel für ein Projekt wie dieses wählen, lässt sich davon ausgehen, dass hier eine ganze Reihe von Assoziationsketten an frühere Arbeiten, künstlerische Fragestellungen und Themen aufgerufen werden, die die Beiden schon lange umtreiben: Alles ist mit Allem verwoben. Ich erinnere mich an mein letztes Interview bei ihnen Zuhause, als mich Kattrin Deufert freundlicherweise auf die große gerahmte Vogelspinne an der Wand aufmerksam gemacht hatte, noch bevor ich mich hinsetzen (und erschrecken) konnte. Erprobte Vorsichtsmaßnahmen für Journalist*innen mit und ohne Spinnenphobie.

 

Dabei war Arachne dem griechischen Mythos nach eine hoch talentierte, ziemlich selbstbewusste Webkünstlerin. In Ovids Metamorphosen fordert sie die Göttin Athene zu einem Wettstreit im Teppichweben heraus, da sie sich ihrer künstlerischen Überlegenheit gewiss sein konnte. Bekanntlich besiegt niemand ungestraft eine Göttin. Verkürzt zusammengefasst hat es sich ungefähr so ereignet: Nachdem Athene einsah, dass sie verloren hatte, musste die Konkurrentin büßen. Die verzweifelte Arachne, so verängstigt vor der drohenden Rache der Göttin, war gerade im Begriff, sich selbst am Garn ihres Webstuhls aufzuhängen, als Athene diesen in einen seidenen Faden und sie wiederum in das achtbeinige Spinnentier verwandelte. Wer sich ein Spinnennetz einmal näher anschaut, kann sich gut vorstellen, dass hier noch immer die gleiche Künstlerin am Werk ist.

 

Verwobene Geschichten in bunten Gewändern

 

Vor diesem Hintergrund erscheint spinnen als komplexes Geflecht von Erzählungen, die den künstlerischen Umgang mit Textilien, die Erzählkunst ebenso wie die Verbindung von Körper – Text – Bewegung – Struktur und Tanz umspannen. Nehmen wir den Faden wieder auf: Ich treffe Verena Sepp, choreographische Assistentin des Projekts, nach der ersten gemeinsamen Recherchewoche mit den Kindern:

 

Aus ihren Berichten vom Arbeitsprozess wird deutlich, dass hier eine Haltung des gegenseitigen Lernens, eine Neugier und Offenheit seitens der Macher*innen am Werk war. So haben sie zunächst Geschichten der Kinder gesammelt (und in großer Runde weitergesponnen), die in spezifischer Weise mit Kleidungsstücken verbunden waren. „Es war sehr beeindruckend, wie vielseitig und tiefsinnig die Geschichten der Kinder waren“, so Sepp. „Es hat uns auch daran erinnert, wie sehr unsere Erinnerungen an Situationen oder Lebensphasen an den Kleidern hängen, die wir in diesen Situationen trugen.“ Die Bandbreite der Geschichten, die als Tonspuren im Stück zu hören sind, ist dabei denkbar divers. Von spektakulären Unfall- und Rettungsgeschichten (Das T-Shirt, an dem Papa mich festgehalten hat, als ich beim Wandern beinahe eine Klippe hinunter gestürzt bin!), über Erinnerungen an Vertrautheit und Geborgenheit, Gefühle zu Menschen, die sich in ihren Kleidungsstücken lebendig gehalten haben (Der Pulli von Mama, der mir immer zu groß war! Die Kapitänsmütze von Opa!).

 

Wie identifizieren wir uns mit unserer Kleidung? Welche Sehnsüchte, Fantasien, Konflikte und Veränderungen können wir in Form von Geschichten und Bewegungen überwerfen oder abstreifen? Über die Kleidergeschichten in spinnenwerden Möglichkeiten zur Verwandlung, zum Verkleiden und zum Rollenspiel buchstäblich greifbar: mit Hilfe von gesammelten und mitgebrachten Klamotten haben die Beteiligten in der ersten Woche viele Bewegungsrecherchen entwickelt. Aus gemeinsamen choreographischen Spielen und kleinen Versuchsanordnungen sind schließlich die Spielregeln für das Stück entstanden, berichtet Verena Sepp.

 

So haben sie einander u.a. Lieblingsbewegungen gezeigt und versucht, diese in einfachen Bewegungsexplorationen weiter auszudifferenzieren. Experimente wie: „Können wir die Bewegung größer machen, kleiner, eckiger?“ wurden von den Kindern in aller Sorgfalt untersucht. Die Arbeit in der Gruppe bringt dann auch immer ganz eigene Erkenntnisse und Problemstellungen mit sich:

 

„Eine Herausforderung war es, die Spielregeln für die Bewegungsrecherche so zu formulieren, dass es für die Kinder verständlich wird. Kinder sind oft viel strenger als Erwachsene, wenn es um das Einhalten von Spielregeln geht.“ So löse eine Aufgabe wie ‚wir kopieren die Bewegung voneinander‘ oder ‚wir bewegen uns so wie das Kleidungsstück in unserer Hand‘ für Performance-erprobte Erwachsene eine ganz andere Vorstellung aus, als für Kinder. „Wir Erwachsenen tendieren viel eher dazu, mit einer Regel frei umzugehen und sie so für uns zu deuten, dass sie funktioniert. Kinder können sich an Formulierungen und deren Unmöglichkeiten richtig festbeißen. Wir haben im Laufe der Woche immer wieder unserer Wortwahl überprüft, um herauszufinden, welche Regeln am besten funktionieren.“

Klar wird, dass hier ein Stück entstanden ist, das für, vor allem aber mit Kindern gestaltet wurde. Auch wenn zu Beginn der ersten Woche ein wenig Enttäuschung darüber laut wurde, dass hier weder Schritte und Kunststücke gelernt, noch wirklich Theater gespielt werden würde, wurden die Kinder schon im Laufe der ersten Tage viel experimentierfreudiger. Rollen oder Geschmacksfragen konnten in den Hintergrund treten, sobald der Spaß an der Bewegung überwog: „Zum Beispiel in einem weiten Rock, der sich wunderbar aufbläht, wenn man sich dreht“.

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10 von 78 Bewegungsinspirationen als Teil des Probenprozesses von deufert&plischke

10 von 78 Bewegungsinspirationen als Teil des Probenprozesses von deufert&plischke

Probenimpressionen: „Jedes Körperteil zählt“

 

Vor Ort im Proberaum der Freien Schule Potsdam löst sich diese Vorstellung von Bewegungs- und Experimentierfreude schon in der ersten halben Stunde meines Besuchs ein. Während ich mich zum Warm-Up mit meinem Notizbuch an die Seite setze und in meiner Position als Beobachterin einrichte, würde ich mich am liebsten mit unter die konzentriert herumwuselnden kleinen Tänzer*innen mischen, die Bewegungen voneinander ‚klauen‘ (lässt mehr Interpretationsraum als ‚kopieren‘), sich mit verschiedenen Kleidungsstücken ausstaffieren und sehr darauf achten, die Spielregeln korrekt anzuwenden. David Kummer, neben Verena Sepp als Unterstützung im Einsatz, leitet die freie Bewegung an und gibt immer wieder Impulse zum Richtungswechsel: „Und jetzt alle: Klauen, was das Zeug hält. Jedes Körperteil zählt!“

 

Seiltänzerin mit Badekappe / Herr mit Reifrock / Ritter mit Bommelmütze

 

Nach der Mittagspause geht es an die Figurenentwicklung: Thomas Plischke hat als choreographische Vorlagen außergewöhnliche Figuren entworfen, die sich jeweils durch eine besondere Kombination von Kleidungsstücken und Körperhaltungen auszeichnen. Zunächst in ‚Arbeitsgruppen‘ und dann gemeinsam in großer Runde werden Bewegungsqualitäten der Figuren diskutiert und festgehalten.

 

Etwa: „Wie geht ein Ritter mit seiner schweren Rüstung?“

Mögliche Antwort: „Hüpfen fällt dem Ritter bestimmt schwer, weil dann sein Visier immer hoch und runter klappt“.

Abgeleitete Bewegungsqualitäten: „schwerfällig“, „steif“ „elegant“, und (wichtig!): „sorgt sich um seine Bommelmütze“.

Was also soll auf die Spielkarte geschrieben werden? Die einstimmige Schlussfolgerung lautet in diesem Fall: „steife Eleganz!“

 

Bei all dem geht es um das Zusammenspiel von Bildern, Vorbildern und Neuinterpretation. Die Spielanweisungen und Bewegungsqualitäten zu den Figuren sind Wegweiser, keine feststehenden Regeln:

„Es gibt nicht die eine richtige Bewegung“ erinnert Kattrin Deufert die Kinder am Ende der Übung. Auch wenn es um nichts Geringeres als die Ausarbeitung einer Stückpartitur geht, bekommt jede*r immer wieder den Raum, die Aufgaben auf ihre*seine eigene Weise umzudeuten – mit ihnen zu spielen, sie weiter zu spinnen. „Es ist faszinierend für uns, wie tiefsinnig die einzelnen Kleidungsgeschichten der Kinder sind, aber auch, wie frei sie teilweise mit den Kleidungsstücken umgehen, die wir ihnen bereitstellen“, berichten deufert&plischke. „Wenn zum Beispiel zwei beste Freunde gemeinsam in eine riesige oversized Strumpfhose steigen und eine Weile darin abhängen.“

 

Gender Trouble – kinderleicht.

 

Kleidung ist dabei natürlich immer auch soziale Performance. Festschreibungen von Geschlechterrollen, sozialen Codes, von Zugehörigkeit und Abgrenzung. Was wir tragen, verändert die Weise, wie wir uns bewegen, fühlen und wahrgenommen werden. Das große Verdienst von spinnen ist die Erkenntnis, dass verschiedene Kleidung Anstoß zum Spiel geben kann, dass wir Klischees, Bilder und (Ver-)Kleidung auch abstreifen – und so etwas ganz Neues entstehen lassen können.

 

Thomas Plischke und ich kommen in der Mittagspause so auch darauf zu sprechen, dass es sicher einen Unterschied macht, ein solches Projekt an einer Freien Schule zu entwickeln. „Hier gibt es, anders als in der Schule unserer Kinder in Berlin, keinen kulturellen Clash, Markenklamotten spielen keine Rolle.“ Umso wertvoller finde ich es, dass es jetzt diesen Koffer mit der Spielanleitung gibt und spinnen hoffentlich auch in vielen weiteren Schulen aufgeführt werden kann. deufert&plischke verstehen es, ganz nebenbei, unprätentiös und trotzdem aufrichtig mit den Kindern umzugehen, im besten Sinne pädagogisch wertvoll zu agieren, ohne ihnen ein vorgefertigtes Konzept überzustreifen.

 

Ganz selbstverständlich entwickeln sich so Bewegungsqualitäten für Figuren, die jede*r für sich ein bisschen aus der Norm fallen. etc.  (hier vielleicht ein Bild von den Kollagen?)

 

Zwei Tage vor der Premiere liegt dann aber doch auch ein bisschen Aufregung in der Luft. Am Ende der Probe bemerkt eine Schülerin wohl wissend um die Theatermythen: „Morgen bei der Generalprobe muss etwas schief gehen!“

 

ON STAGE Selten so schön gesponnen.

 

Am Morgen der Premiere fühle ich mich selbst zunächst an typische Schultheateraufführungen erinnert: aufgeregte Kinder, noch aufgeregtere Eltern, erhöhtes Herzklopfen bei den Choreograph*innen … Schnell wird aber klar, dass spinnen sehr viel eher einen Raum öffnet, in dem wir Zuschauer*innen wirklich Teil einer Erfahrung werden, anstatt eine große Show bieten zu wollen. Hier agiert eine Gruppe von Tänzer*innen, die ganz genau weiß, was sie tut und daher den Auftritt sichtlich genießen kann. Keine Schrittfolgen, keine gesetzte Choreographie, dafür eine Spielanleitung, die jeder*m Raum gibt, sich selbst zu zeigen. Zunächst ziehen alle Tänzer*innen eine Karte, stellen eigenständig ihr Kostüm aus dem beiliegendem Klamottenhaufen zusammen und kreisen in unterschiedlicher Manier umeinander im Raum. Wie durch ein für die Zuschauer*innen geheimes Zeichen stoppen plötzlich alle in der gleichen Pose, verharren, schauen sich an und rufen einstimmig ein zufriedenes „Cooooooooooooooooooooool.“

Die ganze Aufführung erinnert ein wenig an Bewegungschöre der 1920er Jahre – ein eingespieltes Miteinander, das hin und wieder deutliche choreographische Figuren, Tempi und Qualitäten erkennen lässt – das aber vor allem mit und durch die Spielfreude untereinander funktioniert. Diese springt dann am Ende auch auf die Zuschauer*innen über, wenn Karten zur Bewegungsanleitung im Raum verteilt werden: auf einmal hüpfen Erwachsene, Kinder, Tänzer*innen und Zuschauer*innen durch den Raum. David Bowie singt zustimmend „Let’s Dance“ und es gibt kaum ein Halten mehr: Eine Person klatscht im Rhythmus, eine andere macht eine Rockstar-Pose, während ein*e dritte*r mit geschlossenen Augen selbstversunken durch den Raum tanzt. Fast niemand bleibt auf dem Platz…

 

Was für eine tolle Anleitung zum Spinnen, äähm, Tanzen! Ganz spielerisch wird hier eine freie Auseinandersetzung mit Körper und Bewegung, mit zeitgenössischer Ästhetik und Gruppenprozessen erfahrbar. Nebenbei hat sich sicher auch der Blick auf Kleidungsstücke für alle die Beteiligten geschärft. Dafür sprechen jedenfalls auch die zwei abschließenden Fragen der Kinder an mich (als „Journalistin“): „Wie viel hast du geschrieben? Und vor allem: „wo hast du deine Socken her?!“