Das explore dance Pop Up Feature in München

Ein Rückblick von Dr. Elisabeth Nehring

Die Tanzexpertin und Journalistin Elisabeth Nehring reflektierte gemeinsam mit den Gästen in München das zweitägige explore dance Pop Up Feature, das im Juli 2020 kurz nach der Wiedereröffnung der bayerischen Theater und Spielstätten stattgefunden hat. Während der rasanten Ausbreitung von Covid19 wurde das Programm stetig entwickelt und angepasst. Für das explore dance Journal stellt Elisabeth Nehring ihr Manuskript zur Verfügung, in dem sie sich den Fragestellungen und Herausforderungen im Feld Tanz für junges Publikum nähert. Es gilt das gesprochene Wort.

Kleine Vorrede mit 5 Beobachtungen, einer Überlegung, mehreren Fragen und einem Zitat

Fünf Beobachtungen

Beobachtung 1 

 

Ein Festival unter Corona-Bedingungen ist ein Experiment – wie Simone gestern sagte: ‚Es fühlt sich alles so komisch an.’ Stimmt, (fast) alles ist ungewohnt. Es herrscht – notgedrungener Maßen – unter Künstler*innen und dem (übrigens sehr erwachsenen) Publikum viel Disziplin, aber auch Unsicherheit – die vielen neuen Begrüßungsrituale sind auch nach vier Monaten noch nicht vollständig inkorporiert. Neue Verhandlungen werden körperlich geführt (Darf ich dein Glas nehmen? Ach so, jetzt hab ich dein Besteck angefasst…) – mitten in dem, was immer selbstverständlich war.

 

Beobachtung 2 

 

Das Festival beginnt mit einem internen Austausch unter Künstler*innen (den ich hier natürlich nicht ausplaudern werde), der aber einen guten Eindruck von den Themen der explore dance-Produktionen und Pop Ups gibt: Wut und Aggression, Nähe und Genderrollen, Intimität und Sexualität, Tod, Ritual und Abschied, Identität. Zu einem späteren Zeitpunkt des Festivals (wie ich das Pop Up-Feature jetzt einfach mal frech nenne) fällt der Satz: ‚Kinder stellen andere Fragen’ – ganz sicher, aber das, was sie beschäftigt, ist universell.

Die anschließende Gesprächsrunde zwischen Künstler*innen, Veranstalter*innen und  Mentor*innen wird zur kritischen Selbstreflektion auf die fruchtbare und durchaus auch problematische Beziehung, die durch das explore dance-Projekt eine Setzung erfahren hat. Jetzt lädt die Institution ein zum Feedback – auch das hätte es vor einigen Jahren so noch nicht gegeben.

Es entsteht ein Gespräch über die Arbeitsweisen im Rahmen von explore dance – und dabei wird zweierlei offensichtlich:

Auf der inhaltlichen Ebene:

  • Der Wunsch nach Erfahrungsaustausch der Choreograf*innen über Themen und künstlerische Herangehensweisen im Rahmen von Tanz für junges Publikum.
  • Die Erfahrung, die alle Choreograf*innen mitbringen (auch, wenn sie noch nie für junges Publikum gearbeitet haben) und die in die verbale Selbstevaluation einfließen.

Auf der technischen Seite zeigt sich: Die analoge und zugleich digitale Kommunikation erfordert Geduld, ein anderes, auch neues Zeitmanagement und die Akzeptanz, dass Gespräche dieser Art unter Corona-Abstandsauflagen mühselig, aber deswegen nicht unfruchtbar sind.

 

Beobachtung 3 

 

Erst kommt das Fressen, dann die Moral – übersetzt in die heutige Biopolitik: Unsere neue körperliche Realität bestimmt unser Denken – ganz konkret: wie wir ins Theater kommen, welche Reglementierungen wir durchlaufen, wie wir sitzen, welche Abstände wir einhalten müssen und unter welchen Bedingungen wir uns näher kommen dürfen – unser Denken, unser gemeinsames Denken bleibt davon nicht unbeeinflusst. Wir kommunizieren anders, wenn wir es uns bequem machen können, wir streiten seltener laut und aggressiv, wenn wir ein Sofa teilen und wir haben andere Ideen, wenn wir ungezwungen den Raum durchqueren können. Wir reden anders, wenn wir keine Maske tragen. Unser körperliches Sein bestimmt unser Bewusstsein, unsere physische Freiheit unsere Kommunikation. (Aber: Wem sage ich das?)

Die Reglementierungen sind auch deswegen ein Thema, weil sie die Kunst ganz aktuell immer noch stärker betreffen als andere Lebensbereiche: während sonnenhungrige Touristen schon wieder Schulter an Schulter in Flugzeugen sitzen und technikscheue Chefs ihr Firmenpersonal ungehindert ins  Büro zitieren können, ist die Kultur die Musterschülerin der Kooperation mit politischen Entscheidungen.
Gut so, aber auch: vergesst über lauter Sicherheit nicht eure Sicherbarkeit.

 

Beobachtung 4 

 

Die Verspieltheit und – wie Peggy Olislaegers in ihrer Lecture es nennt – Vitalität eines Pop Ups kann man in ‚Move More Morph It’ von Anna Konjetzky beobachten: der Sound von Sergej Maingardt verstärkt, verzerrt, akzentuiert oder konterkariert die Bewegungen Sahra Hubys – das Karikatur- und Comic-Hafte ihrer Figur ist künstlich und kunstvoll zugleich. Es ist das einzige Stück des Tages, das Corona unbeschadet übersteht.

 

Beobachtung 5 

 

Die eigentliche Zielgruppe, die Hauptpersonen des Pop Up-Features – also das junge Publikum – kommt erst am Ende des ersten Tages vor (und dann dankenswerter Weise gleich als Akteur): Wer die überbordende, spielfreudige, lustvolle, ausgelassene Vor-Corona-Version von spinnen von Deufert und Plischke kennt, dem kann schon ein bisschen das Herz brechen angesichts der räumlichen Reglementierungen, denen die jungen Tänzer*innen bei der Münchner Corona-Version ausgesetzt sind. Wie verletzlich ihre Körper mir erscheinen, wenn sie sich nicht mehr sorglos gemeinsam durch den Raum bewegen dürfen. Wie schön aber, dass sie es dennoch tun – sich bewegen, in ihren neuen Kleidern zurechtfinden, uns am Ende motivieren, wenigstens einen Moment lang selbst ausgelassen zu tanzen.

Die Podiumsgäste im Gespräch mit Dr. Elisabeth Nehring, im Hintergrund die Graphic Recordern Nicole Funke. Foto: Franz Kimmel. 

Eine Überlegung 

 

  • Für Sichtbarkeit zu sorgen: genau so, wie es jetzt passiert ist: ein kleines, angepasstes, flexibles Pop Up Feature statt eines Festivals – besser zwei Tage mit Tanz als gar keine Tage.
  • Besser eine Mischung aus analog und digital als gar nichts.
  • Aber auch: Bestehen auf der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen – das Beispiel wurde schon häufig gebracht, man kann es sich nicht oft genug vor Augen führen: Wie kann es sein, dass die Theater aus Sicherheitsgründen immer noch geschlossen sind und die Leute sich schon wieder in Flugzeugen drängeln?
  • Wie kann es sein, dass für Proben und Aufführungen im Bereich Tanz drastische Vorsichtsmaßnahmen vorgeschlagen werden (konkret: sechs Meter Abstand!), sich die Leute im Sport aber wieder ohne Abstandsregeln nahekommen dürfen?
  • Tanz ohne Risiko wird es unter Corona-Bedingungen und auch bei der nächsten Pandemie nicht geben, aber wir – als Tanzschaffende (im weitesten Sinne) – müssen uns dafür einsetzen, dass der Tanz sichtbar bleibt – sonst tut es nämlich keiner!
  • Die Gefahr (überspitzt gesagt): Die Künstler*innen, die gesamte Darstellende Kunst und auch und gerade der Tanz verschwindet einfach.
  • Das Resümee, das ich angesichts der vorangegangenen Corona-Zeit aus dieser Veranstaltung ziehe und das als Mantra für den Tanz für junges Publikum, aber im Grunde für jede Art von Tanz dienen kann: Es gibt keinen Ersatz für physische Präsenz!

Das Publikum sitzt auf Abstand bei den Gesprächen im HochX. Foto: Franz Kimmel. 

Einige Fragen, anhand derer ich verschiedene Themenbereiche aufmache, die mir wesentlich erscheinen auf dem Feld Tanz für junges Publikum: 

 

  1. Definition junges Publikum

  • Liegt in dem Begriff eine Ausweitung oder eine Engführung?
  • Ist das junge Publikum ein diverseres oder spezielleres Publikum als – ja genau – was denn: das ‚normale’ Publikum? Sind die ‚audience-members’, wie Peggy Olislaegers sie gestern genannt hat, nicht das viel speziellere Publikum?
  1. Arbeitsweisen/Produktionsprozesse

  • Haben wir heute viel darüber gehört: Zur Produktion von Tanz für ein junges Publikum, in die das junge Publikum im Vorfeld integriert wird, gehört ja der ganze Apparat an Schule, etc. – was heißt das für die künstlerische Arbeit?
  1. Ästhetik und Inhalte und deren Vermittlung:

  • Was wollen wir dem jungen Publikum vermitteln? Und wie?
  • Erwarten wir im Gegenzug etwas von dem jungen Publikum? Und wenn ja: Was?
  • Projizieren wir etwas auf das junge Publikum? Und wenn ja, was?
  • Führen wir – ohne es zu wollen – mit der ‚industrie of imagination’ (wie Peggy Oislaegers es gestern nannte) neue Normen ein? Stichwort: Diktat der Kreativität oder auch: Kreativität, Individualität, Entwicklung aller Potentiale als neue Normen. Was ist mit dem Ehrgeiz, der Ambition von Künstler*innen?
  1. Anerkennung der künstlerischen und choreografischen Arbeit für junges Publikum

  • von Seiten der Tanzszene (also von Innen)
  • von Seiten des jungen Publikums, der Eltern, der Schulen (also von Außen)
  • von Seiten der Kulturpolitik (also von Außen)

Graphic Recording von Nicole Funke beim explore dance Pop Up Feature. Foto: Christine Grosche. 

Zitat Jo Parkes 

 

“When we work with diverse groups we are given the privilege of telling from multiple perspectives, discovering unreflected power relationships, creating space for new narratives. We are always looking for what connects us, while acknowledging the uniqueness of each individual and their experience. Everyone is changed in the process: artist and art-form too. As we rub our artistic practice against different realities, we shift our own entrenched perspectives, find our assumptions challenged, maybe even experience ourselves as absurd in the eyes of another – and discover new processes.

When we make dance accessible to those who may experience barriers to participation, we have the potential to inspire new dance-makers who will be creating from different perspectives. Our art-form becomes richer, more relevant and more responsive to it’s time.”