Julia Opitz traf den Choreographen Diego Tortelli nach einem Showing, das eine Woche vor der Premiere stattfand, zum Gespräch.

Mit der (eigenen) Wahrnehmung spielen.

Shifting Perspective – Diego Tortelli und sein Publikum im Gespräch

 

In seinem neuen Tanzstück Shifting Perspective, das am 28.2.2019 Premiere in der Muffathalle in München feierte, erzählt Diego Tortelli von heutigen, medial geprägten Kommunikationsprozessen, von schnelllebiger Veränderung, von Nähe- und Distanzmomenten zwischen Menschen. Das Publikum ist eingeladen, während der Live-Performance verschiedene Perspektiven einzunehmen und mit der eigenen Wahrnehmung zu spielen. Julia Opitz traf den Choreographen nach einem Showing, das eine Woche vor der Premiere stattfand, zum Gespräch.

 

JULIA OPITZ: Hallo Diego. Was verbirgt sich hinter dem Titel Shifting Perspective?

DIEGO TORTELLI: Da sich mein Stück besonders an ein junges Publikum richten soll, stellte ich mir die Frage, was das Lebensgefühl junger Menschen ausmacht. Ist es etwas, das ich vielleicht nicht mehr in der Lage bin zu tun und auf das ich eifersüchtig bin? Ich dachte dabei an Merkmale wie Fantasie, Schwelgerei, Kreativität, Sorgenfreiheit und vor allem daran, dass junge Leute oft noch nicht so feststecken, Regeln missachten, ihre Standpunkte schnell wechseln und dadurch verschiedene Perspektiven einnehmen. Diese Phänomene und ihre Art und Weise zu kommunizieren, interessierten mich.

 

JO: Wie bist du nach der Themenfindung weiter vorgegangen, wie sah deine Recherche aus?

DT: Ich recherchierte viel im Internet, in sozialen Medien. Mit Beginn unserer zweiten Probenphase im Januar erstellten wir außerdem einen eigenen Instagram-Account, @yourownperspective, mit dem wir verschiedene Arbeitsphasen aus unserem Probenprozess sichtbar machten und junge Menschen, zu ihren Erfahrungen mit Tanz, zu ihrer Lieblingsmusik und sie über unvergessliche Momente in ihrem Leben befragten. Wir wollten von ihnen erfahren, wie sie Bilder, die sie posten auswählen, und inwiefern Licht und Farbe für die Komposition eines Bildes eine wichtige Rolle spielen. Es ging uns darum, sie einzuladen, sich an unserem Stückentwicklungsprozess zu beteiligen und ihre Assoziationen, Gedanken und Bildsprachen mit uns zu teilen. Durch das Mitverfolgen der Posts konnte ich eine ganz bestimmte Atmosphäre einfangen. Wir wollten bewusst nicht nur ein Stück ,über sie‘, ,die Jugendlichen‘ entwerfen, sondern eines, das klar durch sie inspiriert ist. So und auch durch den Austausch mit meinem 16-jährigen Neffen erhielt ich Inspiration, um Bühnenmaterial zu entwickeln, um gemeinsam mit meinen Tänzer*innen eine Körperlichkeit, eine formale Sprache zu generieren, die schnelllebige Phänomene und Veränderungsprozesse beschreibt. Diese Recherche war ebenso wichtig für Francesco und seinen Kompositionsprozess. Unsere Herangehensweise war neu für mich, sie hat meine Perspektive auf meine eigene Arbeit verändert – das ist vor allem in ganz persönlichem Sinne wertvoll.

 

 

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JO: Wie hast du dein (choreographisches) Material gefunden? Unterscheidet sich deine Herangehensweise von anderen, früheren Arbeitsweisen?

DT: Innerhalb der letzten fünf Jahre entwickelte ich eine Art eigene choreographische Sprache, die ich meinen Stücken zu Grunde lege. Auch wenn meine Arbeiten konzeptuell sehr unterschiedlich sind, gibt es ein bestimmtes Bewegungsrepertoire, das ich immer wieder nutze und natürlich anpasse, um von Dingen und Begebenheiten zu erzählen. Anders als bei meinen früheren Arbeiten wurde für Shifting Perspective das meiste Material allerdings im kollektiven, kreativen Prozess mit den Tänzer*innen, Jin Young Won, Cristian Cucco und Corey Scott-Gilbert und auch mit Francesco Sacco, unserem Komponisten, geformt. Wir konzentrierten uns bei der Materialfindung im Sinne der ,wechselnden Perspektiven‘ einerseits viel auf die Neigungen, die Körper einnehmen können. Ein bisschen vergleichbar ist das mit geometrischen Objekten, die man aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann und die man dadurch jeweils unterschiedlich wahrnimmt. Andererseits interessierte mich das Wechselspiel zwischen ,innerer‘ und ,äußerer‘ Bewegung als Form des Perspektivwechsels. Jin Young beispielweise bringt ihren Körper durch Emotionen von innen in Bewegung, was durch die Bewegung ihrer Augen sichtbar wird. So entstehen sehr intime und poetische Bilder. Es geht mir also einerseits um das Herstellen geometrischer Verbindungslinien mit dem Körper, ähnlich zum architektonischen Arbeiten, und andererseits darum, das Emotionale, das „Innere“ über den Körper, über Bewegung sichtbar zu machen. Beide Ebenen, zwischen denen die Tänzer*innen hin und her wechseln, bringen jeweils eigene Energielevel hervor. Manchmal sehen sich die drei kaum an, sind dann aber durch ihre Körper miteinander verbunden – das soll auch diese Nähe- und Distanzmomente abbilden, die mediales Kommunizieren heutzutage ständig parallel hervorbringt: Wir sind miteinander verbunden und doch irgendwie voneinander abgeschirmt. Das wollten wir zeigen und haben dafür eine Körpersprache gefunden, die sich aus unterschiedlichen Herangehensweisen zusammensetzt und allein dadurch sehr energetisch ist.

 

Proben Shifting Perspective_Journal
Einblick in die Probe von Shifting Perspektive. Foto: (c) Franz Kimmel

 

JO: Du hast die musikalische Ebene schon kurz erwähnt – wie griff Francesco Sacco das Thema wechselnde Perspektiven kompositorisch auf, wie spielen Bewegung und Musik ineinander?

DT: Für Shifting Perspective komponierte Francesco, mit dem ich nun schon das vierte Mal zusammenarbeite, vor allem rhythmusbasiert und entwickelte eine interaktive Soundinstallation. Wir wollten der Musik ihre spontane Kraft zurückgeben, indem wir dem Publikum, das zu Beginn der Show mit Kopfhörern ausgestattet wird, ermöglichen, zwischen drei verschiedenen Tracks, davon ein Sprach- und zwei Musikkanäle, hin und her zu wechseln. Ein vierter Track, der durchgehend im Raum zu hören ist, bildet die Basis. Dadurch entsteht eine besondere sinnliche Erfahrung, denn selbst wenn die Zuschauer*innen gerade Kopfhörer tragen, nehmen ihre Körper die Vibration der Musik im Raum auf, sodass sie die Überlagerung der verschiedenen Sounds wahrnehmen können. Die Zuschauer*innen können also individuell steuern, wann und wie lange sie welchen Track hören und dennoch ist die Musik im Raum gesetzt. Dieses Spannungsfeld fanden wir künstlerisch sehr interessant. Gleichzeitig wollten wir den Zuschauer*innen ermöglichen, ihre eigene musikalische ,Dramaturgie‘ live zu entwerfen.

 

JO: Dadurch, dass du bewusst Entscheidungen an die Zuschauer*innen abgibst, verlierst du ja automatisch Kontrolle. Jede*r scheint frei zu sein in deinem Theaterraum. Stimmt das? Ist das Publikum wirklich frei?

DT: Von Anfang an gab es die Idee, dem Choreographen, also mir selbst, Kraft zu entziehen, etwas zu entwickeln, das nicht ausschließlich mit konzeptueller Zielsetzung oder eindeutiger Dramaturgie zu tun hat. Wir wollten dem (jungen) Publikum ermöglichen, zu wählen, ihm das Gefühl geben, individuell entscheiden zu können. Neben den Kopfhörern und den verschiedenen Musiken, die wir einsetzen, habe ich eine Bühne entworfen, die wie eine Art Plattform oder Podest im Raum steht. Die Tänzer*innen agieren darauf und können von allen Seiten – also im 360-Gradwinkel – beobachtet werden. Durch die verschiedenen räumlichen und musikalischen Perspektiven, zwischen denen die Zuschauenden hin und her wechseln können, gebe ich quasi nicht mehr vor, was sie fühlen ,sollen‘. Sie werden ständig mit ihrer eigenen Wahrnehmung konfrontiert, können mit dieser spielen. Daher ja – sie sind auf eine Weise frei. Hoffentlich.

 

Die Tänzer*innen Young Won, Cristian Cucco, Corey Scott-Gilbert während der Probe von Shifting Perspective. Foto: (c) Franz Kimmel
Die Tänzer*innen Young Won, Cristian Cucco, Corey Scott-Gilbert. Foto: (c) Franz Kimmel

 

JO: Welche Rolle spielte dein Team im gemeinsamen Arbeitsprozess für dich?

DT: Ich hatte das Glück, mit drei fantastischen Tänzer*innen zu arbeiten, denen ich absolut vertraue und die ich auch alle vor unserem Probenbeginn schon kannte. Gemeinsam mit Francesco bestimmten sie den kreativen Prozess mit. Wir hatten als Gruppe die Fähigkeit, zu diskutieren, uns auf Augenhöhe auszutauschen. Jin Young, Cristian und Corey nahmen die Aufgabe unterschiedlich an, waren aber durchgehend in der Lage, die Perspektive des oder der anderen wahrzunehmen, zu verstehen. Durch diesen sehr persönlichen Prozess brachten sie unvorhersehbare Energien und Bilder hervor. Ich muss mich wohlfühlen, mit meinen Tänzer*innen, meiner Produktionsleiterin, mit den Licht- und Sounddesignern. Für Shifting Perspective konnte ich das Material mit allen gemeinsam kreieren und es war plötzlich nicht mehr nur ich, der das Stück am Ende verantwortete. Das kollektive Arbeiten war ungewohnt für mich, vielleicht mein ganz persönlicher Perspektivwechsel – eine besondere Erfahrung, die nur in einem sehr vertrauten Team möglich ist. Ich wurde für Shifting Perspective durch ein junges Publikum inspiriert, aber genauso durch drei wunderbare Performer*innen und ein unvergessliches Team im Hintergrund. Ich bin sehr froh um diese doppelte kostbare Erfahrung.


JO: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Choreographie: Diego Tortelli & Tänzer*innen _ Komposition: Francesco Sacco _ Tanz: Jin Young Won, Cristian Cucco, Corey Scott-Gilbert _ Produktionsleitung: Miria Wurm / Tanzbüro München Technische Leitung, Lichtdesign: Roman Fliegel _  Sounddesign, Audio Recording: Josy Friebel Mentoring: Amelie Mallmann _ PR: Pfau PR, Christiane Pfau _ Produktion: Fokus Tanz / Tanz und Schule e.V. _ Foto: Franz Kimmel

Diego Tortelli ist Künstler des Tanzbüros München. Besonderer Dank an Sigrid Lupfer, Louise Flanagan für die Anpassung der Kostüme, Cristina Valla, Flora Miranda, Josy Friebel für die Audioaufnahmen, Silent Events und Michael McLuhan.

 

Nach der Premiere von Shifting Perspective fing Julia Opitz in der Muffathalle bei Flora Komarek und Frederic Haas ein paar Eindrücke ein:

 

Vielen Dank für den spannenden Austausch, liebe Flora, lieber Frederic!

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