Ich bin ich. Ich bin viele.

MOVE MORE MORPH IT! von Anna Konjetzky – ein mobiles Klassenzimmerstück

 

Ein Tisch, ein Stift, Papier, ein Soundpult. Vor diesem reduzierten Setting – ein minimalistisches Klassenzimmer im Klassenzimmer – schlüpft Sahra Huby in MOVE MORE MORPH IT! in immer wieder neue „Ichs“, die sie mit ihrer hoch energetischen Körperlichkeit erforscht und mit einer eigens dafür entwickelten Fantasie-Klangsprache selbst vertont.

Von Julia Opitz

 

Jeder Atemzug ist hörbar, jede Bewegung erklingt. Dafür entwickelte Sergej Maingardt ein kunstvolles Soundsystem, mit dem Hubys Stimme räumlich verstärkt und durch Effekte verfremdet wird. Sound und Bewegung treten in Dialog, agieren miteinander, gegeneinander, übereinander und bilden eine dritte Spielebene. „Oft haben wir über diesen ganz bestimmten, comichaften Humor gesprochen, der durch das Sich-Selbst-Vertonen entsteht, oder dadurch, dass einer Bewegung unmittelbar ein Ton folgt, der sie aufnimmt“, beschreibt Konjetzky. Höchst dynamisch überführt Huby ihr Bewegungsrepertoire immer wieder in anspruchsvolle Rhythmusparts während Maingardt mit Rap-Samples, abstrakten elektronischen Fragmenten und tiefen Bassklängen herkömmliche Hörgewohnheiten unterläuft. So entsteht ein performatives Wechselspiel aus präziser Körperlichkeit und intensiver Musikalität, das räumlich erfahrbar ist.

 

Eine Stunde lang ein Sofa sein

 

Konjetzky erweitert Texturen und Figuren körperlich und überführt sie damit in ihre eigene Flüchtigkeit. Mal hat Tänzerin Huby Superkräfte, mal agiert sie als fauchende Löwin oder imitiert bewusst klischeehaft die Körperlichkeit einer „Tussi“. Nie aber haben diese verschiedenen Identitäten ein absolut eindeutiges Profil. „Ich mag zum Beispiel den Gedanken, dass ich nicht einfach meine Identität bauen kann. Es ist ja immer auch die Frage, ob das eine Emotion ist, ein Zustand, ein Outfit – was heißt das eigentlich? Ich kann ja auch sagen, ich bin jetzt einfach mal eine Stunde lang ein Sofa. Genau das fand ich als Thematik spannend.“

 

In jedem Moment Feedback

 

Das (junge) Publikum geht mit den Performer*innen auf „Reisen“ oder verliert sich in Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Außergewöhnlich für Konjetzky ist, wie unmittelbar die Reaktionen der Kinder sichtbar werden: „Sie sind lebhaft und sehr direkt. Dadurch hat man in jedem Moment Feedback. Wie sie gucken, wie sie sich bewegen, wo sie nicht gucken. Erwachsene sehen Tänzer*innen – in dem Falle Sahra – als Tänzer*innen, sie fokussieren ihre Körper und überprüfen, wie muskulös diese sind. Ich habe das Gefühl, dass das für Kinder irrelevant ist, sie sind oft viel näher dran. Das finde ich schon sehr anders.“

Synästhesie, Konzert, Tanz, Performance. Konjetzky erzählt in MOVE MORE MORPH IT! von (verfestigten) Körper- und Rollenbildern, von kollektiv geprägten Selbstentwürfen, von individuellen Ausbrüchen, von Zuschreibung und von Offenheit. Leerstellen und assoziative Freiräume erhält sie dabei bewusst. MOVE MORE MORPH IT! ist zeitgenössischer Tanz für junges Publikum, der herausfordert, debattiert und neue Wahrnehmungsformen produziert. Die Zuschauenden in der Grundschule an der Türkenstraße – dem Schulalltag für kurze Zeit entkommen – scheinen davon magisch angezogen und sehr berührt zu sein.

 

Kinderstimmen aus der Grundschule an der Türkenstraße

 

„Ich habe einen Werwolf von Harry Potter aus dem dritten Teil gesehen. Und als Sahra den Tisch hochgehoben hat, da habe ich an Pippi Langstrumpf gedacht.“

„Bei der Probe durften wir auch ins Mikrofon sprechen und Fauchen – das war cool. Und wir haben Werwölfe nachgemacht und unterschiedliche Stimmen ausprobiert“.

„Also ich habe beobachtet, dass Sahra sehr frei ist und es ihr sehr viel Spaß macht.“

„Ich fand die Idee, dass man nicht Musik und Eisschlecken nimmt, sondern Musik und Tanzen super. Und die Geräusche waren spannend.“

„Sarah war volle Kanne wütend oder traurig oder so als würde sie gerade ein Brot mit ihrer Freundin teilen.“

„Für mich war Sarah im Dschungel und sie konnte sich jederzeit verwandeln.
Sie war ein fröhliches Kind und auch ein Tiger.“
„Ich fands toll, wie sie getanzt hat, das dauert ja auch ganz schön lang mit dem Üben!“

„Manche Sachen habe ich nicht verstanden. Aber in meinem Herzen da fühlt es sich irgendwie so an, als hätte ich es verstanden. Nur eben in meinem Kopf nicht.“

„Die Musik hat mich daran erinnert, dass ich oft in meinem Zimmer sitze und Radio höre.“

„Ich habe mich toll und cool zugleich gefühlt beim Zuschauen.“

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