ES GEHT UM SEX

Sebastian Matthias: XOXO

 

Mit einem Team aus Tänzer*innen und Musiker*innen hat der Berliner Choreograph Sebastian Matthias ein Stück über Intimität für Menschen ab 14 Jahren entwickelt – als Teil des Projekts explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum – Tanzpakt Stadt-Land-Bund. Eine sinnliche Reise in eine intensive Körpererfahrung jenseits vorgefertigter Bilder.

Von Annette Stiekele

 

Der lange in Neonfarben beleuchtete Tisch trägt viele seltsame Gegenstände. Einen Plattenspieler mit einer Sprungfeder. Einen Pokal mit einem Eis darin. Einen Föhn aus dem ein langes dunkles Haar ragt. Die Objekte habe eines gemeinsam. Sie wecken Assoziationen, die alle irgendwie mit Sex zu tun haben. Der Weg führt in den Raum, wo die Zuschauer*innen sich an zwei Seiten der Bühne platzieren. Die vier Performer*innen bauen sich direkt vor ihnen auf. „Hallo, ich bin Enis“, sagt er Tänzer Enis Turan freundlich, zugewandt. Dann wird er konkret. Benennt Dinge, über die er es beim Thema Sex schwierig findet, zu sprechen. „Was passiert, wenn unsere Eltern kommen?“ Die Vier werfen sich in Posen, die sie in den sozialen Medien gesammelt haben. Zum Kuss geformte Lippen, vorgestreckte Brust, Räkeln auf dem Bühnenboden. „Die Dinge, die wir zeigen wollen, sind andere“, lässt der Tänzer Maciek Sado dann die Erwartungen zerplatzen.

 

 

REALE KÖRPER JENSEITS VON INSTAGRAM

 

XOXO (also Hugs and Kisses in der Digitalsprache) nennt der Berliner Choreograph Sebastian Matthias seine neue Kreation, die anlässlich des Projekts explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum vom Tanzpakt Stadt-Land-Bund ermöglicht wird und ihre Uraufführung in Hamburg auf Kampnagel erlebt. Es ist eine Teamarbeit, die Tänzer*innen Rachell Bo Clark, Enis Turan, Maciek Sado und der Musiker Hang Linton treten zugleich als Ko-Choreographen auf, die viel persönliches Material beigesteuert haben. Das Stück ist für Besucher*innen ab 14 Jahren geeignet – für Erwachsene ist es aber mindestens ebenso interessant. Denn es geht um Sex, erfährt der/die Besucher*in bereits vorab im Rahmen einer Ansprache. Und dass das kein einfaches Thema sei. Auch für die Künstler*innen nicht. Wenn es unangenehm werde, könne man jederzeit den Raum verlassen.

 

 

INTIMITÄT IST EINE FRAGE DER KOMMUNIKATION

 

Tatsächlich sind ja vor allem Heranwachsende mit den enormen Unsicherheiten einer langsam erwachenden Sexualität konfrontiert. Intimität ist behaftet mit dem Geruch von Unkenntnis, Scham, drohender Peinlichkeit. Wie kann man sich einem Gegenüber, einem begehrten Liebesobjekt so annähern, dass Intimität gelingt? Diese Frage lässt das Thema für junge Menschen zu einer überdimensionierten, oft Furcht einflößenden Angelegenheit anwachsen. Dass sich gerade Liebesneulinge in den sozialen Medien einer Bilderflut an vermeintlich allgemeingültigen Posen, ausgeführt von perfekten Körpern ausgesetzt sehen, macht die Sache nicht einfacher. Der großen Bilderflut steht ein ratloses, mit Tabus behaftetes Schweigen gegenüber. Jugendliche im Alter von neun bis elf Jahren erzählten dem Choreographen Sebastian Matthias, dass sie nicht wüssten, was eine Berührung sei. Dieses Erlebnis lieferte die Initialzündung für das Stück. „Tanz ist das Medium, mit dem man diese Dinge verhandeln kann“, sagt Matthias.

 

NÄHE ERKUNDEN AUF AUGENHÖHE MIT DEM PUBLIKUM

NÄHE ERKUNDEN AUF AUGENHÖHE MIT DEM PUBLIKUM

 

Seine Tänzer*innen bewegen sich tastend, vorsichtig, mal streckt Rachell Bo Clark eine Hand zu einer Geste aus, die von Enis Turan beantwortet wird, die Körper fließen sanft ineinander. Alles wirkt weich und organisch. Keine Wendung wirkt erzwungen oder künstlich. Die Bewegungen sind präzise kalibriert, auch wenn eine Freiheit in der Ausführung spürbar ist. Gleichzeitig entsteht eine große Sinnlichkeit im Raum, die sich aus Lebensnähe speist. Der Zauber dessen, was Nähe sein kann, verbindet sich in dem Zusammenwirken der Körperlichkeit der Tänzer*innen, der Musik, der Sprache und der Gegenstände. Auf der gegenüberliegenden Bühnenseite erkunden der Musiker – und hier ebenfalls Tänzer – Hang Linton und Maciek Sado in Wort und Bewegung die Frage, bis zu welchem Punkt eine Berührung noch okay sei – und wann einer von beiden Stopp sagen würde. Die Atmosphäre fühlt sich sicher an. Nicht nur, weil Tänzer*innen hier sehr respektvoll miteinander und mit Intimität umgehen, sondern auch weil der Zuschauer*innen einen Schutzraum vorfindet, in den er sich zurückziehen kann, indem er die elektronische Musik und die Texte über Kopfhörer hört, der es ihm aber auch ermöglicht, sich einzulassen.

 

NÄHE ERKUNDEN AUF AUGENHÖHE MIT DEM PUBLIKUM

TANZ ALS INTENSIVE KÖRPERERFAHRUNG

 

An der Generalprobe nimmt eine achte Klasse Mädchen und Jungen des Albrecht-Thaer-Gymnasiums Hamburg Teil. Die Mädchen blicken konzentriert auf das Bühnen-Geschehen. Einige der Jungs auch. Andere lachen verlegen. Für Tom Weiss, der Englisch und Spanisch unterrichtet, ist jede dieser Reaktionen  willkommen. Heute seien ja schon sehr junge Menschen sexualisierten Bildern ausgesetzt. „Ich frage mich, wie gehen die Schüler*innen damit um, wenn sie hier eine ganz andere Herangehensweise erleben, weich mit erwachsenen Menschen?“ Wie sich das ausprägt, wird sich erst zeigen, wenn sie älter sind. „Hier werden Grenzen aufgemacht für einen zivilisierten Umgang. Sie sehen etwas Neues. Und sie erfahren, dass man Sexualität auch enttabuisieren kann, indem man darüber spricht.“

Darüber mit den Mitteln des Körpers zu sprechen, mit Musik und mit Sprache, ist das Anliegen von Sebastian Matthias. Das Stück offeriert den jungen Zuschauer*innen das Angebot einer Expedition in die Sekundärempfindungen des Themas Intimität. „Mich  interessieren die Erinnerungen an erste Schmetterlinge im Bauch, den Schwindel, die Frage der Grenzen, der Einwilligung, auch die Unsicherheit. Nicht der sexuelle Akt an sich. Vielmehr geht es um ein Erkunden von Nähe, Berührung und das auf Augenhöhe mit dem Publikum“, so Matthias. XOXO folgt keiner Erzählung, der Zugang ist jedoch erleichtert durch eine zusätzlich eingezogene Sprachebene. Zuallererst ist die Tanzperformance eine intensive Körpererfahrung und zwar für die Tänzer*innen und die Zuschauer*innen gleichermaßen.

 

NÄHE ERKUNDEN AUF AUGENHÖHE MIT DEM PUBLIKUM

RESPEKT, EINWILLIGUNG, GRENZEN

 

Es gibt eine Szene, in der Enis Turan einen Zuschauer zum Thema befragt. In der Generalprobe trifft es Lehrer Tom Weiss. „Das Stück geht einem nah, aber so, dass Du Dich an der Schulter anfassen lässt“, beschreibt er den Moment. Es wird deutlich, dass Nähe etwas sehr Schönes, Bereicherndes, eine starke Lebenskraft sein kann. Intimität kann aber auch schon im Vorfeld scheitern. In einer anderen Szene liest Maciek Sado den Brief einer Frau vor, der ein deutlich älterer Mann Gewalt angetan hat, obwohl sie nie „Ja“ gesagt habe. „Er hat nie gefragt.“ Auch diese Extreme, das fehlende Verhandeln zwischen zwei Menschen über eine intime Begegnung, benennt das Stück auf direkte, auch für junge Menschen nachvollziehbare Weise. Lehrer Tom Weiss ist angesichts dieser vielschichtigen Kommunikation über Intimität voller Zutrauen zu seinen Schüler*innen. Ein Stück wie dieses sei gut und notwendig, damit man sich nicht mit diesen Pornos abspeisen lasse, die nur kurzfristig satt machten. Er entdeckt in dieser Tanzperformance „harte Themen, weich verpackt“. Das gebe den Schüler*innen die Chance, die reale Welt zu erfahren.

Auf der Bühne gibt es eine lange Annäherung der Körper von Rachell Bo Clark und Hang Linton. Tastend, zart, respektvoll. Schließlich ergießt sich mit lautem Knall eine Ladung Tischtennisbälle über die Bühne. Es ist auch dieser Umgang mit humorvollen Bildern, die diese Produktion auszeichnet. Den aufgezeigten Fluchtweg hat an diesem Tag übrigens keiner gewählt.