Wenn die Sounds verlöschen, dann klingt die Halle

LUCIA GLASS: DIE CHOREOGRAPHIE DER DINGE UND GERÄUSCHE (Teil 2)

 

Lucia Glass’ Pop-up-Stück im Rahmen von explore dance – Tanzpakt Stadt-Land-Bund führt Schüler*innen im Alter zwischen 11 und 19 über die Grenzen des Laientanzes hinaus. Die große Überraschung des Stücks sind aber: schlichte Holzkästchen.

Von Falk Schreiber

 

Die Dinge leben. Mittelgroße Sperrholzkuben bewegen sich durch den Raum, und an ihnen hängen Performer*innen, vollziehen Bewegungen nach, bilden Gemeinschaften und lösen sich wieder voneinander. Nicht die Performer*innen bewegen sich, sie werden bewegt: Die Motivation der Bewegungen sind diese rätselhaften Kuben.
Stimmt natürlich nicht. Natürlich hat Lucia Glass für ihr Pop-up-Stück Die Choreographie der Dinge und Geräusche keine Holzkästchen zum Leben erweckt, natürlich hat die Hamburger Künstlerin die Bewegungen von Menschen choreographiert, und diese Menschen heben, schleppen, schieben, zerren die Kästchen durch den Raum. Bloß machen die Szenen dann eben den Eindruck, dass zu Beginn tatsächlich eine Performerin ihr Kästchen anhebt, durch die Luft schiebt – und plötzlich scheint das Objekt eine eigene Kraft zu entwickeln, und der Arm schiebt nicht mehr den Kubus, der Kubus bewegt sich aus sich selbst heraus, er zieht den Arm mit, und der Arm zieht den Körper.

 

IN DER SCHULTURNHALLE

 

Die Choreographie der Dinge und Geräusche ist als Pop-up-Stück an der Stadtteilschule in Hamburg-Blankenese entstanden, das heißt: Aufführungsort ist eine schmucklose Turnhalle (weswegen das Stück bei Interesse auch problemlos an anderen Schulen aufgeführt werden kann), es tanzen Schüler*innen der Jahrgänge 6 bis 13, gemeinsam mit dem Profitänzer Jonas Woltemate und dem Musiker Clemens Endreß. Der einen suggestiven Soundteppich über die Performance legt: elektronisches Knistern, analoges Schleifen, ein tiefes Brummen differenziert sich als zaghafter Beat aus. Und wenn die Sounds verlöschen, dann klingt die Halle: Quietschen auf Kunststoffboden. Fußtrappeln. Schwerer Atem. Halle, Performance, Musik, alles eine Bewegung.

 

AM MAIBAUM

 

Konkrete Bilder verweigert Glass weitgehend. Mal werden Türme aus den Kuben gebaut, mal werden diese Türme umkreist, in einer kurzen Passage sogar traditionell umtanzt, dann hat man das Bild von einer Dorfgemeinschaft vor Augen, die sich um einen Maibaum versammelt. Aber so plötzlich wie es gekommen ist, löst sich das Bild auch wieder auf, zerfällt die Bühnenarchitektur (wofür sich übereinander gestapelte Holzkuben optimal eignen), zerfällt der Zusammenhalt der Figuren. Dafür entstehen geometrische Formen, streng abgezirkelte Bewegungsmuster, eine Tänzerin zerknüllt einen Bogen Papier, eine verzieht sich in die hinterste Ecke des Raumes, wird eingekreist, wird wieder zurückgeholt ins Kollektiv, das sich nur Augenblicke später wieder auflöst. Tennisbälle fallen auf den Boden, ein zurückhaltender Rhythmus entsteht und verlöscht wieder, Körper stehen regungslos.

 

IM UNKLAREN

 

Zumindest bei der Endprobe, drei Tage vor der Premiere am 24. Mai ist noch nicht alles an diesem Stück bis ins Letzte durchgetaktet: Manche Bewegungsfolgen würden noch ein bisschen mehr Genauigkeit vertragen. Ob es eine gute Entscheidung ist, kurz vor Schluss die abstrakte Ebene zu verlassen und ein konkretes Bild entstehen zu lassen, ist noch nicht ganz klar. Und gleichzeitig muss die Choreographin darauf achten, dass bei der Premiere nicht alles zu genau gearbeitet ist, dass offene Stellen bleiben, ein Geheimnis im Tanz nicht aufgelöst wird – die Qualität des Projekts liegt auch im Unklaren, in einer Bewegung, deren Ursprung sich nicht so einfach decodieren lässt, einer Bewegung, die man als Tanz lesen kann oder als physikalisches Gesetz, dessen Hintergrund man ahnt aber nicht bis ins Letzte versteht. Allein: Dass Die Choreographie der Dinge und Geräusche eine starke künstlerische Setzung ist, steht außer Frage. Und jenseits dieser künstlerischen Setzung beweist die Produktion noch etwas: eine tänzerische Präsenz, die weit über Laienniveau hinausweist. Während der mehrmonatigen Probenphase hat es Glass geschafft, die Schüler*innen, die von ganz unterschiedlichen tänzerischen Niveaus kommen und ganz unterschiedliche Altersstufen abdecken, zu einem Ensemble zusammenzuführen, einem Ensemble, das sich in den Dienst des Tanzes stellt und das gleichzeitig die individuellen Tänzer*innenpersönlichkeiten achtet.  Die Choreographie der Dinge und Geräusche ist so ein Stück, das jenseits der Performancearbeit mit jugendlichen Laien steht: Kunst nämlich. Kunst, bei der sich gar nicht mehr die Frage stellt, wer hier ausgebildete Künstler*in ist und wer Schüler*in mit Faible für Tanz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.